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06. 09. 2010

Testbericht: Kane & Lynch 2: Dog Days

Dreckig, düster, brutal: Schnell war klar in welche Richtung IO Interactive´s neuster Crime-Shooter Kane & Lynch 2: Dog Days gehen würde. Nachdem der Vorgänger Dead Men nicht restlos überzeugen konnte, wagen die Hitman-Macher nun einen Ausflug in die Unterwelt Shanghais und bringen die titelgebenden Protagonisten in einer Geschichte zwischen Freundschaft, Verrat und Verlust erneut in ernste Probleme. Ob der finstere Trip überzeugen kann?


Shanghai: Ein eiskaltes Pflaster

Kane & Lynch 2: Dog Days

Dreckige Hinterhöfe, grell leuchtende Neonlichter, nasskalte Straßen. Shanghai präsentiert sich von seiner düstersten Seite und stellt damit sofort den Höhepunkt des Spiels dar. Selten übernahm die Kulisse eine derart zentrale Rolle in einem Spiel, wie in diesem. Die chinesische Weltmetropole präsentiert sich dabei nicht als touristische Attraktion, sondern als eine Hölle, in der schmutzige Geschäfte und brutale Vorgehensweisen an der Tagesordnung sind. Von Menschlichkeit keine Spur. Doch der fast schon einzige Fokus auf die Stadt wirkt sich auf andere Bereiche des Titels erheblich aus. So kommt die Story, die durchaus Potenzial bietet, nie wirklich in Fahrt. Sie plätschert vor sich hin, ohne einen echten Höhepunkt zu bieten. Emotionale Momente, die etwa durch das Zusammenspiel von Kane und Lynch, Lynchs Beziehung zu seiner Freundin oder das kaputte Verhältnis zwischen Kane und seiner Tochter möglich gewesen wären, werden allerhöchstens angedeutet, nie aber intensiviert. Schade. Nicht einmal das Finale bleibt haften, da es so abrupt und ohne großes Ereignis daherkommt. Man wartet regelrecht darauf, dass die Geschichte packt, doch das gelingt ihr über die gesamte Spielzeit, die darüber hinaus mit maximal sieben Stunden (sofern man sich Zeit lässt) extrem kurz ausgefallen ist, leider nie. Shanghai als Ort der Kälte ist brillant dargestellt, doch eine Story dermaßen frostig zu erzählen, ist fatal.

Das Doku-Geballer

Der inszenatorische Stil kann als gelungen bezeichnet werden, sofern man sich mit Wackelkameras anfreunden kann. Denn anders als in den meisten Spielen, in der ihr eurer Figur entweder ruhig über die Schulter oder auf die Waffe schaut, geht es in Kane & Lynch 2: Dog Days ziemlich ‚ruckelnd‘ zu. Man bekommt den Eindruck, als renne man mit einer Kamera hinter dem Geschehen her, was durchaus eine gewisse Intensität zur Folge hat. Hinzu gesellen sich schöne Effekte: Zu grelles Licht etwa lässt fehlerhafte Leuchtstreifen auf der Kamera entstehen und wuchtige Explosionen führen zu einer Störung des Bildes. Anstatt nach einem Kopfschuss herausströmendes Blut oder Hirnmasse zu zeigen, wird der Schädel des Betroffenen kurzerhand von Pixeln verdeckt, was dem Stil der Dokumentation weiterhin zu Gute kommt.

Kane & Lynch 2: Dog DaysLeider ist der Inhalt der Dokumentation ziemlich banal und oberflächlich. Neben der bereits angesprochenen flauen Story kann auch das Gameplay nicht überzeugen, denn ihr macht die ganze Zeit stets dasselbe: Erst wird ein Ort von euren Widersachern gesäubert, dann der nächste, und wieder einer, danach noch einer und so weiter. Das Spiel besteht einzig und allein aus Geballer, ohne Abwechslung und auch hier ohne Höhepunkt. Dabei stellen sich euch zudem überaus dumme KI-Klone in den Weg. Zwar gehen sie manchmal in Deckung. Doch allzu oft geben sie diese ebenso schnell wieder auf, um sich zu virtuellem Hackfleisch verarbeiten zu lassen. Im Grunde müsst ihr einfach nur selbst in Deckung bleiben, bis ihr mit Pistolen, Schrotflinten und Maschinengewehren das Feuer eröffnen könnt. Oft stehen auch explosive Gegenstände in der Gegend herum, die ihr auf eure Feinde schmeißen dürft. Sie dienen quasi als simple Granaten, von denen es ansonsten keine gibt. Sehr selten schimmern einigermaßen intelligente KI-Mechaniken durch, denn in wenigen Ausnahmen versuchen sie, euch zu flankieren und einzukesseln. Allerdings geschieht auch dieses Vorhaben dermaßen lustlos und langsam, dass ihr bis dahin schon eure nächsten fünf Magazine leergeschossen habt.

Gemeinsam sind wir stark

Im Gegensatz zu euren Widersachern macht euer computergesteuerter Kollege eine nicht überragende, aber immerhin effektivere Figur. Doch ein Spiel wie dieses eignet sich natürlich hervorragend für einen Koopmodus, an den die Entwickler glücklicherweise gedacht haben. So könnt ihr entweder offline im Splitscreen oder online einen Freund an Bord holen. Sofern ihr dabei keine absolut amateurhafte Figur abgebt, verringert sich die Spielzeit durch die gesteigerte Effektivität natürlich noch einmal. Immerhin fordert euch das Spiel etwas mehr in den höheren Schwierigkeitsgraden, doch im Grunde ist dies nichts weiter als ein künstliches in die Länge ziehen des kurzen Geschehens.

Kane & Lynch 2: Dog DaysWer lieber gegeneinander spielt, ist im Online-Multiplayerpart kurzzeitig gut aufgehoben. Kurzzeitig deshalb, da er auf lange Zeit schlichtweg spielerisch zu eintönig daherkommt. Die drei Spielmodi "Fragile Alliance", "Undercover Cop" und "Räuber und Gendarm" sind in Wirklichkeit eher als ein Modus anzusehen mit eben drei Varianten, die sich in bestimmten Details unterscheiden. Doch das Ziel bleibt zunächst einmal dasselbe. Geld stehlen und mit dem Geld entkommen. Je nach Spielart könnt ihr eure Teamkameraden verraten und so noch mehr Geld einsacken, seid aber somit im Kampf gegen die Polizei auf euch allein gestellt oder zieht das Interesse ebenfalls unloyaler Mitspieler auf euch, die das große Geld wittern. Solltet ihr getötet werden, besteht die Möglichkeit, als Cop zu spielen, um die Verräter an ihrem Coup zu hindern. In "Räuber und Gendarm" dagegen ist ein Team von vornherein in der Rolle der Polizei unterwegs, um den Raubzug abzuwehren. Mit dem verdienten Geld könnt ihr euch übrigens zwischen den Runden neue Waffem kaufen. Während meiner Testsessions empfand ich das Spielgeschehen allerdings als zum Teil kaum spielbar und extrem schlecht ausbalanciert: Die Bewegungen der menschlichen Mitspieler wirkten oft derartig abgehackt, dass ein erfolgreiches Anvisieren kaum möglich war. Nervig dabei ist auch die Tatsache, dass man vor dem Ableben immer erst auf den Boden geschleudert wird, quasi als letzte Chance des Überlebens. Dies wirkt auf Dauer doch recht albern und aufgesetzt. Regelrecht unfair wird das Geschehen, wenn ein Team ausreichend Geld hat, um sich mit neuen Waffen zu versorgen. Mit den Standardwaffen hat man gegen übermächtige Sturmgewehre kaum eine Chance, wodurch das Spiel schnell und äußerst frustvoll enden kann.

Wer auch offline auf Raubzüge gehen will, darf sich im Arcade-Modus austoben. Auch hier gilt es, Geld zu klauen und es zu einem Abholpunkt zu bringen. Mit steigender Spieldauer steigt auch der Schwierigkeitsgrad. Wirklich abwechslungsreich ist aber auch dies nicht.

Shanghai mit Schönheitsfehlern

Kane & Lynch 2: Dog DaysAuf technischer Seite weiß vor allem die schon viel gelobte Kulisse zu gefallen. Der Schauplatz wird in eiskalten Farbtönen dargestellt und erzeugt so schon zu Beginn ein Gefühl des Unwohlseins. Zahlreiche Werbeleuchten strahlen euch zwar entgegen, wirken in ihrer grell-sterilen Art aber wenig einladend und passen damit hervorragend ins Szenario. Zwar bleiben echte optische Highlights aus, doch Shanghai entwickelt einen ganz besonders düsteren Charme. Leider wird die Kulisse durch gewisse Ungereimtheiten gestört, die der Glaubwürdigkeit schaden. So verhalten sich die zahlreichen Zivilisten, die in der ungeschnittenen Versionen übrigens getötet werden können, oft ziemlich leblos. In eher unbelebten Abschnitten, wie Hinterhöfen, grinsen sie euch selbst dann noch freundlich entgegen, wenn ihr mit dem Lauf eurer Schrotflinte auf ihren Kopf zielt. Weiterhin sehen die Passanten, Polizisten und Gangster viel zu gleich aus, wodurch sich der Eindruck manifestiert, es eher mit Zielscheiben, als mit menschlichen Wesen zu tun zu haben.

Am Ton gibt es nur wenig zu meckern. Hervorzuheben sind hierbei die kräftigen und dumpfen Schusseffekte, die damit besonders viel Krach machen. Ganz gut gelungen ist darüber hinaus die deutsche Sprachausgabe, die zwar nicht als meisterhaft bezeichnet werden kann, aber durchaus ihren Zweck mehr oder minder gut erfüllt. Die deutsche Version kann bei Belieben auch auf den englischen Originalton umgeschaltet werden. Die Klangkulisse innerhalb Shanghais füllt die Szenerie durch exzessives Autohupen, aufheulende Sirenen und sich unterhaltende Menschen mit Leben und trägt zu einem guten Teil zur atmosphärischen Wirkung bei.

Fazit

Kane & Lynch 2:Dog Days kann leider nicht überzeugen. Shanghai als Schauplatz wird wunderbar düster und kalt dargestellt, doch einmal davon abgesehen, scheitert der Titel an allem anderen. Die Story, die mit ihren beiden interessanten Protagonisten und ihren Problemen viele Konflikte bereithalten könnte, wird leider nur sehr oberflächlich erzählt und will nie wirklich Fahrt aufnehmen. Dabei werden die Möglichkeiten, den Charakteren Leben einzuhauchen und mit Emotionen zu füllen, nicht genutzt und packende Ereignisse bleiben aus. Hinzu kommt ein belangloses Gameplay mit einer immer gleichen Spielmechanik, die nicht über ständiges Ballern hinauskommt. Die kurze Spielzeit enttäuscht ebenfalls, vor allem in Anbetracht dessen, was dem Spieler bis zum öden Finale geboten wird. Der Multiplayermodus setzt diese Monotonie fort und bietet in seinen drei Spielmodi kaum Abwechslung, was bestenfalls zur belanglosen kurzweiligen Unterhaltung führt.

Das Spiel bietet ein Fundament aus hervorragenden Voraussetzungen, doch anstatt dies weiter zu bebauen, verlieren sich die Entwickler an der Oberfläche. Was ein komplexes Gebilde hätte werden können, bleibt letzten Endes ein Haufen grauen Betons. Oder anders ausgedrückt: Kane & Lynch 2: Dog Days hätte das Zeug zu einem meisterhaften Crime-Shooter mit exzellenter Story gehabt. Von diesem Potenzial sind im Endeffekt allerdings bestenfalls Ansätze zu sehen. Alexander Börste

Wertung: 3/10