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05. 09. 2008

Braid

Ein kleiner Mann auf der Suche nach einer verschwundenen Prinzessin. Klingt nach Super Mario, ist es aber nicht. Braid nutzt die Thronfolgerin vielmehr als Metapher, um den Spieler auf eine Reise durch die großen Fragen und Probleme des Lebens zu nehmen. Und ist nebenbei ein unglaublich cleveres Knobelspiel, das sich unter einer harmlosen Jump ´n´ Run-Maske verbirgt.

Braid ist ein Titel aus der Xbox Live Arcade: Für knappe 15 Euro darf sich jeder Besitzer einer Xbox 360 diese Perle der Entwicklerkunst herunterladen. Eine PC-Version soll noch in diesem Jahr folgen. Aber worum geht es hier überhaupt? Nun, Hauptprotagonist von Braid ist Tim, ein unscheinbarer Kerl mit roten Haaren und einem Büro-Outfit. Eines Tages verlässt er den grauen Lärm der Großstadt, um die Prinzessin zu suchen. Dazu muss Tim durch fantastische Welten reisen und Puzzleteile finden, um seine bruchstückhafte Vergangenheit wieder zusammenzusetzen. In jeder Welt ist so ein anderes Gemälde verborgen, dass ihr zunächst sammeln und zusammensetzen müsst. Erst, wenn alle Gemälde vollständig sind, öffnet sich der Zugang zum geheimnisvollen Turm über Tims Wohnung.

Natürlich bekommt niemand etwas geschenkt – auch nicht Tim. Ihr steuert den Helden in klassischer Manier durch 2D-Welten, die mit wunderschönen, handgemalten Hintergründen und Charakteren eine einmalige Atmosphäre zaubern. In jeder Welt sind zwölf Puzzleteile versteckt, die jedoch nicht leicht zu erreichen sind: Um sie einzusammeln, müsst ihr zunächst die reichlich schwierigen Rätsel lösen. Hierzu gilt es, auf verschiedenste Art und Weise die Zeit zu manipulieren. Beispielsweise springt Tim in eine Grube, um einen Schlüssel zu ergattern. Jetzt flugs die Zeit zurückgedreht, und unser Held findet sich zurück am Rande der Grube – mit dem Schlüssel in der Hand. Selbstverständlich werden die Rätsel mit der Zeit immer vertrackter, und viele neue Spielelemente verkomplizieren die Aufgaben zusätzlich. So gibt es Level, in denen die Zeit nur voranschreitet, wenn Tim sich bewegt, und wird zurückgespult, sobald der zurückläuft. Oder er setzt seinen magischen Ring ein, der nur in einem bestimmten Radius die Zeit verlangsamt, während sie im restlichen Level normal weiterläuft.

Das Schöne an Braid ist, dass die Rätsel komplett ohne Trial and Error auskommen. Jede einzelne Aufgabe lässt sich mit angestrengtem Nachdenken logisch lösen. Auch wenn manches Rätsel zunächst unlösbar scheint: Irgendwann macht es „Klick“, und man freut sich über seine eigenen Fähigkeiten. Und nicht nur über diese: Braid begeistert den geneigten Spieler mit unzähligen „Wow“-Effekten. Unglaublich, wie Entwickler Jonathan Blow dermaßen viele, intelligente Rätsel scheinbar aus dem Ärmel geschüttelt hat.

Aber was genau macht die Faszination von Braid wirklich aus? Sind es nur die Rätsel? Nein. Braid muss man einfach in seiner ganzen Bandbreite erleben. Denn wie ihr schnell merken werdet, hat das Spiel nichts mit einem einfachen, kindgerechten „Gut gegen Böse“-Setting gemein. Zu Beginn jeder Welt wird in Textform die Geschichte des kommenden Abschnitts erzählt: Ständig wird hier in Metaphern gesprochen, die jeden Spieler zu individuellen Interpretationen anregen werden. Sie handeln von Kindheitserinnerungen, Beziehungsstress, Verlustängsten und anderen persönlichen Dingen. Mal mehr, mal weniger subtil erzählt. Zusammen mit der unglaublich schönen und passenden Klaviermusik im Hintergrund entsteht so ein atmosphärisches Schwergewicht, das einen unmittelbar in den Bann zieht. Während man sich durch die handgemalten, bunten Fantasiewelten rätselt, vergeht die Zeit wie im Flug. Und plötzlich ist Braid vorbei, obwohl es die Spieldauer die der meisten Arcade-Titel überbieten dürfte – es sei denn, man hat schon als Kind drei Klassen übersprungen und liest „Das Universum in der Nussschale“ schon vor dem Frühstück. Aber auch, wenn es schon längst vorbei ist: Braid lässt euch so schnell nicht los. Zu eindrucksvoll ist die traurig-schöne Geschichte, als dass sie sich einfach so wieder ausblenden lässt.

Fazit

Auch wenn das hier beileibe nicht mein erster Artikel zu einem Spiel ist, bei Braid fehlen mir schlicht die Worte. Kein geschriebener Satz wird der Faszination gerecht, die dieses Meisterstück in seiner Gesamtheit versprüht. Grafik, Sound, Story… Alles passt. Nichts wirkt aufgesetzt oder künstlich in die Länge gezogen. Braid ist Kunst in Reinform, ohne dabei jedoch elitär, arrogant oder abstrakt zu wirken. Ich kann nur hoffen, dass Entwickler Jonathan Blow seine aktuelle Meinung ändert und doch eines Tages eine Fortsetzung macht. Oder zumindest etwas Ähnliches. Mein Aufruf an alle Publisher und Entwickler da draußen: Gebt dem Mann einen Job, hier habt ihr eines der größten Talente der letzten Jahre! Simon Weiß

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