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03. 12. 2007

Blick über den Tellerrand: Zooloretto

In unserem ersten „Blick über den Tellerrand“ beschäftigen wir uns trotzdem mit einem Spiel – wir können einfach nicht anders. Unser Kandidat kommt allerdings komplett ohne Steckdose aus: Wir haben uns nämlich kein geringeres als das Brettspiel des Jahres 2007 angeschaut. Kann es also einen würdigeren ersten Titel für unsere neue Rubrik geben als Zooloretto?

Die Auszeichnung „Spiel des Jahres“ wird besonders gerne Spielen verliehen, die auch familienfreundlich und unkompliziert zu erlernen sind. Nur in Ausnahmefällen dürfen sich auch komplexere Top-Titel wie das legendäre „Siedler von Catan“ den Orden ans Revers heften. Dieses Jahr hat es ein Spiel aus der goldenen Mitte erwischt: Zooloretto ist gut für Kinder ab acht Jahren geeignet, will aber mit einer hohen Dosis Taktik auch ältere Semester ausreichend fordern und unterhalten.

Wie der Name schon andeutet, gilt es bei Zooloretto, einen eigenen Zoo möglichst gewinnbringend mit Tieren und Verkaufsständen auszustatten. Tiere, die am Ende des Spiels gemütlich im Stall hocken, erfreuen keine Besucher und sorgen deshalb für Punktabzug. Das Spiel stammt übrigens aus der Feder von Michael Schacht, der auch schon vor einigen Jahren ein kleines Kartenspiel namens Cooloretto herausgebracht hat. Der neue große Bruder ist eindeutig an die Spielidee des Kartenwinzlings angelehnt, kommt aber nun mit einem neuen Setting, einem echten Spielbrett und wesentlich komplexerer Taktikkomponente daher.

Bis zu fünf Spieler können an einem Spieltisch Platz nehmen, wobei für zwei Spieler wie so oft einige Sonderregeln erdacht wurden, um die Spannung zu bewahren. Der Reihe nach ziehen die Spieler nun verdeckt ein Tierplättchen aus einem Sack, und legen es auf einen der Transportwagen, die in der Tischmitte bereitstehen. Vor sich sieht jeder Teilnehmer seinen kleinen Zoo: Drei Gehege mit jeweils vier bis sechs Plätzen für Tiere, dazu noch ein paar freie Stellen für Verkaufswagen. Das Problem ist, dass pro Gehege natürlich nur eine Tierart Platz hat. Sind alle Flächen bereits besetzt, wandern neue Tierarten in den Stall, wo sie für viele Minuspunkte sorgen – wenn man sie bis zum Spielende nicht noch einem Mitspieler unterjubeln kann. Überflüssig zu erwähnen, dass es wesentlich mehr Tierarten in dem schwarzen Stoffbeutel gibt, als jeder Spieler freie Gehege zur Verfügung hat. Wer dringend Platz braucht und das nötige Kleingeld erwirtschaftet hat, darf aber auch einmal pro Spiel ein viertes Gehege dazukaufen, um eine weitere Tierart anzusiedeln.

Reihum legen die Spieler also die Plättchen auf die Transportwagen in der Mitte. Alternativ darf man auch seine sehr knapp bemessenen Taler eintauschen, um z.B. Tiere aus dem Stall zu verkaufen, gegen andere Tierarten in den Gehegen auszutauschen oder weitere Tiere einer dringend benötigten Gattung aus dem Stall eines Konkurrenten zu erwerben. Wer will, darf sich einen Transportwagen aus der Mitte nehmen, auf welchem bis zu drei Plättchen liegen dürfen. Egal ob Tiere, Verkaufsstände oder einfach Geld: Sobald ein Spieler denkt, der Wagen erfüllt genau seine Bedürfnisse, darf er sich das Gefährt schnappen und mit dem Inhalt seinen Zoo ausrüsten. Tiere kommen dabei zu ihren Artgenossen direkt in die Gehege. Falls alle schon mit andern Tierarten belegt sind, geht es ab in den Stall. Verkaufsstände dürfen ebenfalls sofort auf ein freies Feld gelegt werden, allerdings bringen nur unterschiedliche Arten am Ende Punkte. Wer also gewinnen will, sollte neben Getränken z.B. auch noch Souvenirs anbieten.

Verpackung und Spielmaterial von Zooloretto

Wie man sieht, gibt es vieles zu beachten. Weitsicht ist dringend erforderlich, wenn man bei Zooloretto erfolg haben will: Die Spieler müssen stets das Endergebnis im Auge behalten. Denn wenn in einem Gehege statt sechs nur drei Kamele stehen, gibt es am bitteren Ende keinen einzigen Punkt für die betroffene Anlage. Einige Faktoren erschweren die Planung zusätzlich: Nimmt sich ein Spieler einen Wagen aus der Mitte setzt er so lange aus, bis alle anderen ebenfalls einen Wagen ausgesucht haben – vorher dürfen diese aber noch nach belieben Plättchen nachziehen und auf die Transporter verteilen. Man muss sich also überlegen: Nehm ich den Wagen jetzt? Warte ich noch eine Runde? Wenn man Pech hat, ergänzt ein Mitspieler den heimlich angepeilten Transporter noch um eine Tierart, die man so gar nicht gebrauchen kann. Eine große Frusttoleranz ist also ebenfalls nötig. Dadurch, dass pro Runde nur ein Spielzug möglich ist, muss man immer genau planen: Es ist nicht möglich, einem Konkurrenten ein Tier abzukaufen und sofort ins Spiel zu bringen – zuerst muss eine quälende Runde lang gewartet werden. Wer weiß, was sich bis dahin bei den Transportwagen getan hat… Leider mutiert das Spiel dadurch besonders bei vier oder fünf Teilnehmern schnell zur lästigen Geduldsprobe. Man fühlt sich einfach zu eingeschränkt. Erfolgserlebnisse sind sehr selten, denn meistens macht einem während der Wartezeit ein Mitspieler einen gehörigen Strich durch die lange geplante Rechnung. Taktik wird also nicht wirklich belohnt, da man zu sehr vom Glück und den Taten seiner Mitspieler abhängig ist. Der Faktor Glück zeigt sich natürlich besonders bei den gezogenen Karten: Wer hier eine Tierart ansiedelt, die erst ganz zum Schluss gezogen wird, hat schlicht Pech gehabt. Kurz vor knapp bekommt man so leicht nämlich kein Gehege mehr voll. Ebenfalls zu knapp gehalten ist das Geld. Die lieben Taler werden den Spielern nur äußerst spärlich gegönnt: Es gibt sie nämlich nur für volle Gehege - was im Spiel ja maximal vier Mal der Fall ist - oder aus dem Beutel, und das ziemlich selten. Etwas mehr wäre hier nötig gewesen, um den taktischen Tauschmanövern mehr Gewicht zu verleihen. Es braucht also besonders drei Eigenschaften, um bei Zooloretto auf dem Siegertreppchen zu stehen: Geduld, Glück und planerisches Talent – wobei letzteres leider allzu oft nichts Wert ist, da man dem Handeln der Mitspieler wehrlos ausgeliefert ist.

Fazit

Spiel des Jahres – verdient oder nicht? Schwer zu sagen, denn die Konkurrenz war dieses Jahr eher mau. Ein tief taktisches Spiel ist Zooloretto sicher nicht, allerdings auch kein typisch seichtes Familienspiel. Strategen werden schnell frustriert sein: Für den lockeren Spieleabend mit Freunden oder den Kindern ist Zooloretto aber allemal zu empfehlen. Der Kritikerpreis ist schon an bessere Spiele gegangen, aber auch schon an wesentlich schlechtere. Angesichts des niedrigen Straßenpreises von rund 20 Euro haben Fans von unkomplizierten Spielen aber keinen Grund, den Titel nicht ihrer Sammlung hinzuzufügen. Simon Weiß

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