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04. 02. 2010

Dark Void

Was darf der informierte Käufer davon halten, wenn die Verkaufsprognose eines Triple-A-Titels kurz vor dessen Release um mehr als die Hälfte nach unten korrigiert wird? Nicht allzu viel, möchte man meinen. Tatsächlich bleibt Capcoms Dark Void leider weit hinter den geschürten Erwartungen zurück.

Die Bodenlevel sind recht eintönig geratenIm Bermuda-Dreieck, für seine anziehende Wirkung durchaus bekannt, beginnt die Geschichte von Dark Void. Der Pilot William Grey und seine Fracht, die brünette Ava, stürzen – wie wohl viele vor ihnen – an diesem Ort der Erde ab und geraten ins Zentrum einer Jahrtausende andauernden Auseinandersetzung zwischen Menschen und Außerirdischen. Die sogenannten Beobachter sind, wie sich schnell heraus stellt, die von uns angebeteten Gottheiten, die der Menschheit vor langer Zeit zu ihrem Aufstieg verhalf. Das Bermuda-Dreieck dient dabei als eine Schwelle zwischen den Welten, durch welche die beiden Protagonisten nun, im Jahr 1938, in jene fremde Gegend gelangen. Ihre Verbündeten im Kampf gegen die Aliens, die soeben im Begriff sind wieder ein Portal in unsere Welt zu öffnen, ist der Widerstand, bestehend aus anderen gestrandeten Menschen. Unter ihnen ist der Wissenschaftler Nikola Tesla, der aus der außerirdischen Technologie den ein oder anderen nützlichen Apparat bastelt – unter anderem auch einen Raketenrucksack…

Eben jener ist als Hauptattraktion von Dark Void zu verstehen. Schon vor dem Beginn der eigentlichen Handlung und ohne wirklich erkennbaren Zusammenhang steuert der Spieler einen beliebigen Menschen mittels Jetpack durch die Lüfte, ehe die Geschichte um Will und Ava einsetzt. Auch wenn die Sequenz nur der kurzen Einführung dient und der Spieler ohne weiteren Kommentar perplex die Steuerung übernehmen soll, ahnt man hier schon, dass die Flüge spektakulär werden können.

Das Jetpack bereichert das Genre um neue IdeenNachdem sich unser Held Will aus dem Flugzeugwrack retten konnte, wird zunächst die Umgebung – eine rätselhafte Insel inmitten des Dreiecks – erkundet, zu Fuß wohlgemerkt. Schnell wird klar, wer sich hier Freund und Feind nennt und so bleiben etliche Gefechte auf dem Weg zur Flughilfe nicht aus. Bei Tesla angekommen folgt die erste Ernüchterung: nachdem wir uns über eine Stunde durch lebensunfreundlichen und eher unspektakulären Dschungel und Steilhänge schlagen mussten, erhalten wir zwar den sehnsüchtig erwarteten Rucksack, doch ist dieser zunächst nur auf das Schweben begrenzt. Eine weitere Stunde muss vergehen, ehe wir wirklich fliegen dürfen – und das obwohl wir schon im Prolog eine Proberunde drehen durften. Schade eigentlich, denn so sehr an die Hand genommen werden möchte ich ehrlich gesagt nicht.

Ist der Rucksack erst einmal angelegt, können dank der montierten Schnellfeuerwaffe die ersten Dogfights mit Alien-UFOs beginnen. Auch wenn sich die Luftkämpfe als ziemliche Herausforderung entpuppen und es durchaus Zeit braucht, ehe die Steuerung verinnerlicht ist und der Feind zu Boden geht, machen sie durchweg Spaß. Nun kann Will jedoch nicht nur per Jetpack fliegen, sondern auch feindliche Flugobjekte per Quick-Time-Event kapern und selbst steuern, dabei natürlich zu jeder beliebigen Zeit auch wieder aussteigen. Um sich fortan nicht nur durch die Lüfte zu schwingen, wurden – wohl um etwas spielerische Abwechslung zu bieten – den großräumigen Tälern auch eher enge Bodenlevels entgegen gesetzt. Leider ging diese Idee nach hinten los, denn wirklich variiert wurde bei den Schauplätzen nicht. Befindet man sich in einer Alienumgebung, sieht hier nicht nur alles sehr steril aus, sondern auch zum Verwechseln ähnlich.

Das liegt nicht nur am sehr monotonen Leveldesign von Dark Void, sondern auch an der definitiv nicht mehr zeitgemäßen technischen Umsetzung. So dient zwar die Unreal 3 Engine als Grundgerüst, doch kann man deren Qualität hier bei weitem nicht mit aktuellen Titeln wie Batman – Arkham Asylum oder Mass Effect 2 vergleichen. Eine triste Textur folgt der anderen, die Partikeleffekte sind von vorgestern, Physik und Animationen sind starr wie ein Stück Holz. Wirkliche Augenöffner werden dem Spieler gelegentlich in den Flugsequenzen geboten – hier kommt deutlich das Gefühl des Fliegens zur Geltung –, doch trüben hier wiederum einige Ruckler den Eindruck.

Die Quicktime-Events wirken teilweise aufgesetztAls wirklich gelungen kann man die akustische Umsetzung ansehen. Auch wenn die deutsche Version offensichtlich keine synchronisierte Fassung enthält, beten die Sprecher ihre paar Zeilen nicht nur klanglos herunter – besseres hat man aber sicherlich auch schon gehört. Eine Wucht ist der Sound, der mit den vielfach provozierten Explosionen das Wohnzimmer zum Beben bringen kann. Noch besser allerdings ist der Soundtrack, für den sich der Battlestar Galactica Komponist und geschworene Capcom-Fan Bear McCreary verantwortlich zeigt. Wie auch in genannter Serie wird der Klangteppich von einem großartigen Orchester getragen, das insbesondere von den kraftvollen Percussion-Einlagen lebt. Auch wenn der Einsatz eines dynamischen Soundtracks – heißt, er ist der jeweiligen Spielsituation angemessenen – viele Melodien wiederholen lässt, so gehört dieser doch zu dem Besten, was in letzter Zeit an unsere Ohren dringen durfte.

Wirklich ärgerlich ist wiederum die Handlung von Dark Void. Nicht unbedingt die Tastache, dass wir die ganze Schose von Alien-Göttern, die früher einmal über die Menschen herrschten von Stargate und zahlreichen anderen Science-Fiction-Filmen bereits kennen, sondern deren Erzählform ist einem zeitgemäßen Spiel in nahezu jederlei Hinsicht unangemessen. So werden die Charaktere in keinem Moment zu Sympathieträgern, die Dialoge und eingeblendeten Flashbacks der Figuren wirken so unfreiwillig komisch, dass hier wirklich nur von einer Katastrophe die Rede sein kann. Weder Drehbuch, noch Regie können die Geschichte so erzählen, dass sie interessant oder jemals spannend wird – die Zwischensequenzen sind meist nur wenige Augenblicke kurz und vermitteln nur einen marginalen Einblick in die aktuelle Situation. Bedrohung über einen bevorstehenden Untergang der menschlichen Zivilisation? Ach woher! Enttäuschend ist auch, dass scheinbar versucht wurde, eine großangelegte Mythologie der Spielwelt zu erschaffen, Hintergründe gebührend zu erläutern und näher auf die Intentionen der Außerirdischen einzugehen. Ergebnis? Die meisten der gegebenen Informationen stehen entweder im Ladebildschirm (!), oder in versteckten Tagebüchern. Das Schlimmste in diesem Zusammenhang ist allerdings das Gefühl, ständig etwas zu verpassen. Entscheidungen werden viel zu schnell und nicht nachvollziehbar getroffen, in wenigen Worten werden Erklärungen gegeben, die eine ganze nächste Stunde Spielzeit rechtfertigen sollen. Statt eine Geschichte zu erleben und ihr auch bereitwillig zu folgen, wirkt bei Dark Void alles eher zusammenhanglos und willkürlich aneinander gereiht.

Das Bermudadreieck bietet die Chance für eine tiefgehende Handlung - die Dark Void leider vertutVerpackt wird diese jedwede Dramatik missende Erzählung in ein eher wenig motivierendes Gerüst. Der Schwierigkeitsgrad ist die meiste Zeit in Ordnung, doch gibt es durchaus Sequenzen, die mehr Geduld erwarten als andere – und diese sind nicht zwingend im Finale des Spiels zu finden. Besonders in den recht langen Luftgefechten fallen dann die unvorteilhaft gesetzten Speicherpunkte auf, die dem Spieler den letzten Nerv rauben können. Was spürbar fehlt, ist ein sinnvolles System zur Charakterentwicklung. Zwar werden mit jedem erfolgreichen Abschuss „Technikpunkte“ eingesammelt, doch ist deren Investition in Waffenupgrades eher fragwürdig. Zum Einen weiß man bereits beim ersten Öffnen der überall verfügbaren Waffentruhen, welche Aufrüstungsmöglichkeiten eine Wumme oder das Jetpack bieten und wie viel sie kosten, zum Anderen gibt es pro Gegenstand nur zwei solcher Upgrades. Zieht man in Betracht, dass jedes Upgrade ein ordentliches Sümmchen Technikpunkte verlangt, man aber eigentlich nur drei Gegenstände ständig in Gebrauch hat, hätte man sich dieses Verfahren gänzlich sparen können. Zumal diese Aufrüstungen dann leider noch nicht einmal so gravierend sind, dass die Kosten dafür auch gerechtfertigt wären.

Betrachten wir abschließend die Spielmechanik, lässt sich Capcoms Fluglehrgang zwar noch der ein oder andere positive Aspekt entlocken, doch wird auch hier die ungenaue Arbeit allzu deutlich. So ist die Steuerung klar definiert und weitestgehend genau, doch wird nicht jede Funktion eines Konsolen-Controllers genutzt – nur eine Handvoll Tasten kommen auch tatsächlich zum Einsatz. Eine Six-Axis-Unterstützung für die PlayStation 3 für die Flugsequenzen wäre auf jeden Fall wünschenswert gewesen, auch wenn sie wohl bei den meisten Spielern auf Ablehnung gestoßen wäre. Quick-Time-Events sind bei Spielen derzeit an der Tagesordnung, doch versäumt man es bei Dark Void, abwechslungsreiche Szenen zu inszenieren – ein UFO kapern funktioniert immer mit denselben Tastenkombinationen, einen der vielen mechanischen Riesen-Skorpione zu erlegen läuft auf stets die gleiche Vorgehensweise hinaus. Das Duck-and-Cover-System bei Bodenkämpfen wurde anderen Genre-Vertretern nachempfunden, funktioniert allerdings nicht ganz so reibungslos – häufig landet eine Granate statt vor den Füßen des Gegners vor den eigenen. Richtig gut gefallen hat in diesem Zusammenhang allerdings das Vertical-Action-System, mit dem sich der Held von bestimmten Podesten nach oben oder unten schießen kann und diese dann als Deckung nutzt.

Fazit:

Dark Void hat mich schlicht und ergreifend geärgert. Nicht nur, dass das unausgegorene Gameplay und zahlreich vorherrschende Technik-Macken den Spielspaß trüben, sondern auch, dass das Potential eines wirklich guten Spiels an jeder Ecke schüchtern hervor lugt. Eine Mythologie, die weitaus mehr Tiefe verdient hätte, Charaktere, die nur im Ansatz eine Geschichte aufweisen und eine Handlung die nicht nur viel zu schnell heruntergebetet wird, sondern auch in einem unachtsamen Moment schnell übersehen werden kann, zeigen uns, was aus Dark Void hätte werden können. Das Vertical-Action-System und das Jetpack bringen dem Genre definitiv Neuerungen, doch sind sie alleine nicht dazu in der Lage, ein überzeugendes und durchweg packendes Spiel abzuliefern. Tobias Czullay

Wertung: 6/10

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