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27. 10. 2010

F1 2010

Jahrelang hielt Sony die begehrte Formel 1-Lizenz in Ketten und machte daraus vor allem eines: Rennspiele, die dem Anspruch der gemeinhin als Königsklasse des vierrädrigen Motorsports bekannten Rennserie in keinster Weise gerecht wurden. Doch nun schicken sich die Damen und Herren von Codemasters an, den aufregenden Rennzirkus zu alter neuer Stärke zu führen. Immerhin entwickelten sie bereits beliebte Rennspielreihen, wie Dirt oder Grid. Gehört auch F1 2010 dazu?

F1 2010Bevor ihr euch ins Renngeschehen stürzen dürft, legt ihr zunächst anhand eines Interviews grundlegende Daten, wie Name, Anzahl der Saisons im Karrieremodus und die Schwierigkeit fest. Damit hebt sich F1 2010 auch sofort von seinen Konkurrenten ab, denn Codemasters wollte nicht nur die Rennaction, sondern auch den Trubel des F1-Zirkus simulieren, doch dazu später mehr. Habt ihr euch durch das Anfangsprozedere gewühlt, findet ihr euch im Fahrerlager wieder, das zugleich die Stellung des Hauptmenüs einnimmt. Inzwischen ist dieser Stil der Menüführung ein deutliches Merkmal der britischen Entwicklerschmiede und sorgt für etwas Abwechslung der sonst so sterilen Menüs.

Doch viel wichtiger ist die Essenz und hier darf der umfangreiche Karrieremodus als Herzstück betrachtet werden. In drei, fünf oder sieben Saisons arbeiten ihr euch vom Nobody zum Megastar der Szene. Dabei stehen euch anfangs natürlich nicht die großen Teams, wie Ferrari, Red Bull und McLaren zur Verfügung, sondern müsst euch mit den zur Zeit leistungsschwächsten Teams Ruhm und Ehre verdienen. Und so dürft ihr euch zwischen HRT, Lotus und Virgin entscheiden, mit denen ihr, bei realistischen Einstellungen, bestenfalls im Mittelfeld landen werdet. Euer Team gibt euch dabei auch eine Marschroute vor, die ihr nach Möglichkeit zu bewältigen habt und mit denen ihr in der Rangordnung eures Rennstalls aufsteigt. So müsst ihr bestimmte Platzierungen im Qualifying und Rennen erreichen, um euch irgendwann als Fahrer Nr. 1 zu etablieren, denn zunächst seid ihr als Neuling lediglich die zweite Wahl. Daher gilt es, sich möglichst oft vor eurem Teamkollegen zu positionieren. Habt ihr ihn schließlich übertrumpft, stehen euch neue Möglichkeiten zur Verfügung, denn fort an entscheidet ihr die Entwicklungsrichtung eures Teams und könnt so euer Gefährt nach eurer Vorstellung weiterentwickeln.

F1 2010Da ihr jedoch nicht ewig nur hinterherfahren wollt, kommen bei konstant guten Leistungen auch entsprechende Angebote größerer Teams auf den Tisch, bis ihr schließlich endlich in Ferrari und Co. Platz nehmen dürft, um ein gewaltiges Wörtchen im Weltmeisterschaftskampf mit zu reden. Ihr habt, je nach Einstellung, bis zu sieben virtuelle Jahre Zeit, den Thron der Formel 1 zu erklimmen und sich somit als neuer Champion feiern zu lassen.
Die Formel 1 ist wie kein anderes Motorsportevent auch ein Pressemagnet. Egal ob im Fahrerlager, in der Boxengasse oder auf der Strecke kurz vor dem Start. Überall wuseln interviewhungrige Reporter herum, um die aktuellen Stars des Rummels mit mehr oder minder sinnigen Fragen zu belagern. Im Laufe eurer Karriere werdet ihr auch immer wieder Interviews im Fahrerlager führen oder, als Podestplatzierter, auf der anschließenden Pressekonferenz. Zwar hat Codemasters im Vorfeld die Wichtigkeit des Verhaltens während der Interviews betont, doch in Wahrheit gestaltet sich der Presseaspekt recht farblos. Zwar steigt oder fällt ihr je nach Antwort in der Gunst eures Teams, doch wirklich einschneidende Veränderungen sind nicht festzustellen. Zudem wirken die Fragen sehr aufgesetzt und sind leicht als positiv, negativ und neutral zu identifizieren. Mit steigendem Erfolg steigt auch das mediale Interesse an eurer Person, sodass sich etwa die Anzahl der Journalisten in eurem Fahrerlager mit den Jahren verändert.

Wer keine Lust auf die Karriere hat, kann zudem noch im Grand Prix-Modus mit einem der aktuellen Fahrer eine individuelle Saison oder einzelne Rennen absolvieren oder im Zeitfahrmodus gegen die Zeit heizen. Warum es allerdings keine Option zum Deaktivieren der Ghostcars gibt, bleibt offen. Lediglich das Speichern neuer lässt sich ausschalten.

Doch weg mit all den Optionen, hinaus auf die Strecke! Denn hier lässt der Titel einige Muskeln tanzen. Sofort fällt natürlich das große Fahrerfeld auf, denn, wie in der aktuellen Saison, befinden sich insgesamt 24 Fahrer auf der Strecke, wodurch ereignisreiche Rennen garantiert sind. Dafür sorgt auch die hervorragende KI, die, je nach Fähigkeiten und Einstellungen, eine echte Herausforderung darstellt und euch mit mutigen Kontern und drückendem Zweikampfverhalten zusetzt. Positiv hervorzuheben sind auch die immer wieder auftretenden Fehler. Auch sind durchaus, wie von Codemasters angekündigt, Unterschiede im Fahrverhalten zu erkennen. So schoss Ferrari-Pilot Felipe Massa, der durchaus zu einigen Fahrfehlern neigt, in einmal in einer Haarnadelkurve vor mir vorbei. Ein klassischer Fall vom Verbremsen. Schön. Geübte Fahrer sollten jedoch nicht alle Fahrhilfen, wie ABS und Traktionskontrolle, einschalten, denn dann dürfte die KI wenige Chancen haben. Schade, denn gerade mit dem Controller ist das Fahren ohne Fahrhilfen nicht all zu angenehm. Das liegt vor allem daran, dass der Trigger für´s Gas nicht sensibel genug eingestellt ist. So kann man bis zu einem gewissen Punkt ,einen ruhigen Finger vorausgesetzt, sanft Gas geben, doch überschreitet man diesen Point of no Return dreht der Motor plötzlich hoch und es geht schnell mal vom Asphalt ins Kiesbett. Leider gibt es auch keine Option zur Feinjustierung des Pads, sodass Lenkradfahrer, für die es eine Vielzahl von Konfigurationsmöglichkeiten gibt, zumindest bei ausgeschalteten Fahrhilfen einen Vorteil haben. Und schaut man sich die derzeit schwache Lenkradunterstützung an, von der vor allem die Xbox 360 betroffen ist, wiegt dieser Punkt noch schwerer. Ansonsten lassen sich die Karossen aber wunderbar steuern. Die Formel 1 ist ein Sport der Präzision, was man auch jederzeit zu spüren bekommt. Es gilt, Brems- und Einlenkpunkte genauestens zu erfassen, um schnelle Zeiten auf den Kurs zu brennen, ansonsten endet euer Ausflug auf den Strecken dieser Welt schnell mal abseits der Strecke. Auf modernen Kursen, wie Bahrain oder Shanghai erwarten euch dann immerhin lange Auslaufzonen, doch Traditionskurse der Marke Monza oder Spa verzeihen euch nur selten Fehler. Während des Rennens lassen sich übrigens auch noch Einstellungen am Wagen vornehmen, wie Motorenmodus und Flügeleinstellung.

F1 2010Dass das Spiel über Optionen, wie Reifenverschleiß und Simulation der Benzinmenge, verfügt, versteht sich von selbst. Und auch hier kann man Positives berichten, denn die Unterschiede zwischen frischen und abgefahrenen Reifen, sowie einem vollgetanktem und beinahe leerem Fahrzeug sind deutlich zu spüren. Zu Beginn eines Rennens werdet ihr regelrecht auf dem Asphalt kleben, doch mit zunehmender Länge und bei einem wilden Fahrstil, macht sich dies irgendwann klar bemerkbar. Der Grip verabschiedet sich und die Schmierseife macht sich breit. So jedenfalls fühlt es sich dann an. Sind eure Reifen zu sehr beansprucht, kann es irgendwann auch zu einem Reifenschaden führen und ihr müsst dringend an die Box. Apropos Schäden: Ein Schadensmodell hat es auch ins Spiel geschafft. Zwar wird nicht jede noch so kleine Kollision mit Schäden bestraft, doch zu harte Manöver lassen schon mal den Frontflügel abfliegen. Auch Totalschäden sind möglich, allerdings nur, wenn man wirklich ungebremst in Kontrahent oder Mauer fährt. Optisch sieht dies auch recht ansprechend aus, denn dutzende Teile wirbeln plötzlich durch die Luft und lassen so einen harten Crash erahnen. Nach einem Massencrash gibt es übrigens keine Safety-Car-Phase, wie es real der Fall wäre. Schade.
Natürlich verfügt F1 2010 auch über ein umfangreiches Strafsystem, das allerdings sehr, sehr zwiespältig daherkommt. Zwar werden Abkürzungen und Rempler verwarnt bzw. irgendwann bestraft, etwa mit Durchfahrtsstrafen oder Zeitstrafen bis hin zur Disqualifikation, doch manchmal scheint das Spiel nicht zwischen Schuld und Unschuld unterscheiden zu können. So kommt es vor, dass ihr euch von der Strecke dreht und dies trotzdem als Abkürzen erkannt wird. Extrem nervig wird es im Zeitfahrmodus: Selbst das kleinste Verlassen der Strecke, ganz gleich ob vorteil- oder nachteilhaft, wird als regelwidrig notiert und eure Runde ist dahin.

Mit F1 2010 verbindet man vor allem auch zwei Wörter: dynamisches Wetter. Und das hat es wirklich in sich. Die Möglichkeit des Wetterwechsels sollte definitiv aktiviert sein, denn so entsteht eine dramatische Komponente, die in kaum einem Rennspiel vorhanden ist. Wenn ihr etwa bei strahlendem Sonnenschein losfahrt und euch allmählich düstere Wolken entgegenblicken, weckt das schon einen gewissen Nervenkitzel. Möglicherweise prasselt in den nächsten Minuten ein dicker Schauer auf euch nieder, sodass ein Wechsel auf Regenreifen unumgänglich ist. Vielleicht aber erwarten euch nur ein paar Tropfen. Eventuell jedoch fängt es gar nicht an zu regnen und eure möglichen Sorgen sind unbegründet. Sollte sich der Himmel jedoch tatsächlich öffnen, beginnt der Reifenpoker: Lieber draußen bleiben auf Trockenreifen oder doch sofort auf Regenreifen oder Intermediates wechseln? Dreht man den Spieß einmal um, ist es selbstverständlich auch möglich, dass der Regen wieder nachlässt. Auch hier gilt es Feingefühl für die Reifen zu beweisen, denn die Strecke klart im Verlauf zunehmend auf, was sich vor allem auf der Ideallinie zeigt. Sichere Fahrer können dann leicht zu den Slicks wechseln, um auf der inzwischen trockenen Ideallinie erneut flotte Rundenzeiten zu erzielen, doch Vorsicht. Außerhalb der Ideallinie erwarten euch oft noch tiefe Pfützen, die ihr allen voran mit Trockenreifen möglichst meiden solltet. Die Wahrscheinlichkeit von Regen variiert von Strecke zu Strecke. In der Wüste von Abu Dhabi werdet ihr eher selten auf nasse Überraschungen stoßen. Ganz anders sind da Strecken, wie Spa: Die Ardennenachterbahn ist bekannt für ihr launisches Wetter. Bevor ihr auf die Piste fahrt, wird euch per Ingame-Monitor, über dem ihr auch auf Setup-Konfigurationen oder die aktuelle Zeitentabelle zugreifen könnt, eine Regenwahrscheinlichkeit mitgeteilt. Allerdings kann es passieren, dass auch nur ein Teil der Strecke von den Wetterkapriolen betroffen ist, was einen zusätzlichen Reiz hervorruft.

Auch F1 2010 verfügt, wie beinahe jedes Spiel der aktuellen Generation, über einen Mehrspielermodus. Und wie nahezu jedes Spiel der aktuellen Generation beschränkt sich dieser vor allem auf die Online- bzw. LAN-Variante. Offline herrscht dagegen gähnende Leere. Denn bis auf einen Hotlap-Modus, indem ihr mit insgesamt acht Fahrern abwechselnd um gute Rundenzeiten fahrt, gibt es nichts für Freunde von geteiltem Bildschirm und Co. Sehr schade.

F1 2010Immerhin macht der Online-Modus seine Sache gut, wenngleich man sagen muss, dass das Potenzial nicht ganz ausgeschöpft wurde. Positiv hervorzuheben ist die Tatsache, dass die Rennen überwiegend lagfrei ablaufen, doch negativ stoßen kleinere Ungereimtheiten auf, die sich zu einer größeren ergeben: Warum gibt es keine Ingame-Möglichkeiten der Clanbildung? Warum werden mir Server angezeigt, denen ich sowieso nicht beitreten kann, weil das Rennen schon läuft? Warum sind die Suchfilter so beschränkt? Und warum gibt es keine kompletten Rennwochenenden, sondern lediglich die Möglichkeit, vor dem Rennen eine 15-Minuten-Qualifikation zu absolvieren? Nun ja, immerhin stimmt das Grundgerüst, denn einzelne Rennen, inklusive voller Renndistanz, lassen sich ebenso absolvieren, wie ganze Meisterschaften, die aber nicht speicherbar sind. Auch an den Renneinstellungen mangelt es nicht: Fahrhilfen, Wettereinstellungen und Spieleranzahl (bis zu 12) sind frei belegbar. Sollten sich keine zwölf Fahrer einfinden, kann der Rest des Feldes mit KI-Fahrern aufgefüllt werden.

Zudem gibt es noch die obligatorischen Bestenlisten sowie einige Schnellspielmodi. In diesen könnt ihr in einer Partylobby mit bis zu fünf weiteren Freunden auf Spielsuche gehen. Dabei stehen euch vier verschiedene Modi zur Auswahl: Im Sprint-Modus erwartet euch ein lockeres Drei-Rundenrennen bei trockenen Bedingungen und ohne Simulationsanspruch. Der Modus Pole-Position steht voll im Zeichen der Rundenzeiten, denn hier gilt es in einer 20-minütigen Qualifikation bei dynamischem Wetter plus Reifenverschleiß und Streckenveränderungen die schnellste Zeit zu erfahren. Für Ausdauernde gibt es den gleichnamigen Modus, der euch auf eine Renndistanz von 20% schickt und ebenfalls die wichtigsten Simulationseinstellungen, wie dynamisches Wetter, für euch bereithält. Zu guter letzt darf sich im Grand Prix-Modus ausgetobt werden: Ein 7-Rundenrennen plus Simulationseinstellungen und einer 15-minütigen Quali.

F1 2010Spielerisch kann F1 2010 überzeugen, technisch im Großen und Ganzen ebenso. Zwar wirken die Strecken fernab des Kurses und in der Boxengasse etwas unbelebt, doch schließlich seid ihr nicht auf Sightseeing-Tour. Das Geschehen läuft überwiegend flüssig und punktet mir detaillierten Boliden und hübschen Details, wie der flimmernden Hitze, die aus den Motoren steigt. Das optische Highlight stellt aber definitiv der Regen dar: in den Pfützen spiegelt sich die Umgebung, Regentropfen erschweren die Sicht auf die Strecke und die dichte Gischt eurer Vordermänner lässt die Sicht auf wenige Meter schrumpfen. Hier entstehen große Momente der Spannung, denn ohne perfekte Streckenkenntnisse geht es schnell mal geradeaus, wo es eigentlich nach links oder rechts gehen sollte. Auch der Sound kann überzeugen. Neben einem netten Soundtrack erwarten euch auf der Strecke dröhnende Motoren. Besonders gefallen die Unterschiede der verschiedenen Fahrzeuge. Kommentare aus der Box geben euch mehr oder weniger sinnvolle Hinweise zum aktuellen Renngeschehen. Ob der fehlende TV-Kommentar nun als positiv oder negativ einzustufen ist, bleibt jedem selbst überlassen.

Fazit:
Das erste Multiplattformspiel rund um die glitzernde Welt der Formel 1 ist da und überzeugt. Das Gameplay bietet genügend Facetten für intensive, spannende Rennen und stellt damit die langweiligen Sony-Umsetzungen sowie die missglückte Wii-Variante anno 2009 locker in die Tasche. Wenn sich 24 Fahrer auf der Strecke tummeln, geht es zur Sache und zwar richtig. Für die nötige Kontrolle sorgt eine präzise Steuerung, die für Padfahrer allerdings deutlich mehr Einstellungsmöglichkeiten vertragen hätte, denn hier wird das Fahren ohne Fahrhilfen mehr zum Kampf, als nötig gewesen wäre. Technisch präsentiert sich das Spiel sehr sauber, wobei insbesondere die hervorragenden Regenrennen herausstechen. Dem Mehrspielermodus, leider primär für den Onlinesektor bestimmt, hätten ein wenig mehr Möglichkeiten gut getan, doch läuft er immerhin meist vollkommen lagfrei. Es bleibt ein Rennspiel, das für alle Freunde der Formel 1 und des Genres unbedenklich zu empfehlen ist. Denn hier zählt vor allem eines: der Motorsport und die Dramatik auf der Strecke. Ein tolles Comeback der virtuellen Formel 1.

Wertung: 8/10

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