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30. 09. 2007

Testbericht: Bioshock

Was macht ein gelangweilter Geschäftsmann, der zuviel Geld hat? Genau, er baut eine Stadt auf dem Meeresgrund, versammelt die weltweite Elite aus Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft um sich und träumt von einem makellosen Utopia. Natürlich geht der Plan schief, denn ansonsten könnte Bioshock nicht eine so spannende Geschichte erzählen.

Screenshot: BioshockWährend unser Held noch gemütlich in einem kleinen Flugzeug sitzt, eine Zigarette raucht und sich auf den Besuch bei seinen Verwandten freut, fängt es plötzlich bedrohlich an zu wackeln: Einige Augenblicke später kommen wir im kalten Wasser wieder zu uns und befinden uns mitten in einem Inferno. Die Maschine ist ins Wasser gestürzt, um uns herum stehen Wrackteile in Brand, andere Überlebende sind nicht in Sicht. Aber wir haben keine Zeit, die wunderschöne Wasseroberfläche und das lebensecht lodernde Feuer zu bewundern. In ein paar Metern Entfernung ragt ein riesiger Leuchtturm aus dem Wasser empor. Die Rettung! Ein paar Schwimmzüge später stehen wir nicht nur im Trockenen, sondern auch im Dunkeln. Das Licht geht an, und schnell wird uns klar: Das hier ist kein herkömmlicher Leuchtturm. Leise Musik ertönt, und die prachtvoll geschmückten Wände im schönsten Art Déco-Design zeugen vom enormen Reichtum des Erbauers. Da keine Menschenseele in Sicht ist, gehen wir die Treppen hinunter und stoßen auf eine offensichtliche Tauchkapsel. Da wir keine andere Wahl haben, steigen wir ein und betätigen einen Hebel. Die Tür schließt sich, das Licht geht aus und die Kapsel setzt sich in Bewegung. Nach einigen Augenblicken gibt das kleine Sichtfenster den Blick frei auf „Rapture“, eine gigantische Stadt auf dem Meeresgrund. Dies ist die Vision von Andrew Ryan, der hier sein persönliches Utopia erbauen wollte: Fernab der anderen Zivilisationen sollten sich hier Wissenschaftler ohne moralisches Korsett austoben, Künstler ohne Zensur ihre Ideen ausleben können. Als die Tauchkapsel schließlich ihr Ziel erreicht, wird schnell klar, dass der Traum Ryans zerbrochen ist. Vor unseren Augen wird ein Mann von einer seltsam mutierten Kreatur angegriffen und getötet. Die Wissenschaftler haben es übertrieben: Sie wollten den Einwohnern von Rapture ein angenehmeres Leben bieten und haben zu diesem Zweck in der genetischen Struktur herumgepfuscht. Dadurch haben sie allerdings unfreiwillig einige Monstrositäten geschaffen, die sich durch unser Eindringen ziemlich gestört fühlen. Unsere größte Sorge ist es also erstmal, unsere eigene Haut zu retten.

Screenshot: BioshockDie Geschichte wird nicht nur grandios erzählt, sondern funktioniert auch fernab von herkömmlichen Shooter-Klischees. Keine Alieninvasionen, keine mutigen Weltkriegshelden: Nur ein einsamer Durchschnittstyp, der in seinen eigenen Albtraum stolpert und sich seiner Haut erwehren muss. Dazu hat unser Held nicht nur die üblichen Waffen im Angebot, sondern vor allem ein ganzes Arsenal an übermenschlichen Fähigkeiten. Mit der Hilfe von Spritzen, die überall gefunden werden können, kann sich unser Held selbst so genannte „Plasmide“ injizieren, und fortan die Vorteile der genetischen Veränderungen genießen. Dank der Spritzen kann er zum Beispiel Feuerbälle aus den Händen verschießen, Blitze schleudern, seine Gegner einfrieren oder per Telekinese die Einrichtung nach ihnen werfen. Zu Beginn sind die Möglichkeiten noch sehr beschränkt und wir können nur zwei Plasmide gleichzeitig einsetzen. An so genannten „Genbanken“ können wir unsere Fähigkeiten auswechseln und zwischenlagern. Später im Spiel können wir neue Plasmidslots hinzukaufen und die aktiven Plasmide beliebig austauschen.



Screenshot: Bioshock

Bioshock achtet stets darauf, dem Spieler taktische Möglichkeiten zu lassen. Denn mit stumpfem Voranstürmen kommt man bei diesem Shooter nicht weit. So sind viele Stellen nur schaffbar, wenn man die Umwelt zu seinem Vorteil nutzt. Stehen z.B. mehrere Gegner in einer Wasserlache, ist ein Blitzschlag wahrscheinlich die beste Lösung. Besonders hilfreich ist es, wenn man die zahlreich vorhandenen Sicherheitssysteme hackt und zu seinem Vorteil einsetzt. So schafft man es beispielsweise, eine Selbstschussanlage so umzuprogrammieren, dass sie ab sofort alle Gegner selbstständig aufs Korn nimmt. Hierzu muss man in einem Minispiel unter Zeitdruck verschiedene Rohrstücke so anordnen, dass eine Flüssigkeit in geordneten Bahnen fließt. Ist man erfolgreich, bekommt man je nach Gerätschaft eine Belohnung: Sicherheitssysteme arbeiten z.B. für den Spieler, Automaten für Munition, Plasmide oder Items geben ihre Waren wesentlich günstiger aus. Bei aller Taktik fällt allerdings ein Aspekt negativ auf: Während man auf dem niedrigsten der drei Schwierigkeitsgrade noch durchaus die Rambomethode anwenden kann und stets ausreichend Munition und Geld findet, sind bereits eine Stufe höher viele Szenen schlicht zum verzweifeln schwer. Etwas mehr Feintuning wäre an dieser Stelle sicher nicht verkehrt gewesen.

Screenshot: BioshockDie Gegner sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet, ähneln sich dabei aber oft: Die verschiedenen „Splicer“, also mutierte Einwohner, die zuviel mit Plasmiden herumexperimentiert haben, legen alle ein ähnliches Verhaltensmuster an den Tag. Das heißt im Klartext, sie stürzen sich immer wieder mit einem unglaublich hohen Tempo auf den Spieler und sind eine echte Herauforderung, statt bloßes Kanonenfutter. Besonders ein Gegner hat es wirklich in sich: Das Aushängeschild von Bioshock, der „Big Daddy“. Dieses metallene Ungetüm beschützt stets eine „Little Sister“, ein kleines Mädchen, das mit leerem Gesicht das so genannte „ADAM“ sammelt. Diese Substanz wird benötigt, um z.B. neue Slots für Plasmide an den passenden Automaten zu kaufen. Um den kleinen Mädchen die begehrte Substanz abzujagen, müssen wir allerdings erst an dem Big Daddy vorbei… Insgesamt wird für Abwechslung gesorgt, allerdings wiederholt sich der Spielablauf nach einiger Zeit häufig. Hat man erstmal einige Plasmide angesammelt, wird der Held schnell übermächtig, was das Spiel mit immer größer werdenden Gegnerhorden quittiert. Was wirklich bei Laune hält ist die spannende Story, die einen bald die immer gleichen Gegner vergessen lässt.

Technisch ist Bioshock dank Unreal 3 Engine ein echtes Brett. Die bereits erwähnten Wassereffekte und die stimmige Beleuchtung erzeugen eine extrem dichte, gruselige Atmosphäre. Die entstellten Splicer, die sich plötzlich mit verwirrten Kampfschreien auf den Spieler stürzen, tragen ihren Teil zu der bedrohlichen Grundstimmung bei. Der Sound ist wuchtig und glänzt nicht nur mit bombastischen Soundeffekten, sondern auch mit einem stimmungsvollen Soundtrack, der mit vielen bekannten Swingnummern aufwarten kann. Besonders erwähnenswert: Sogar die deutschen Synchronsprecher machen eine hervorragende Arbeit, das findet man in lokalisierten Titeln wirklich selten.

Fazit

Die Entwickler haben versucht, das Shooter-Genre zu revolutionieren, was ihnen aber nicht wirklich gelungen ist. So haben sie „nur“ einen atmosphärisch dichten Shooter mit einer genialen Story und einfallsreichen Spielelementen geschaffen. Dieser bringt zwar frischen Wind in das Genre, bietet aber nicht die totale spielerische Freiheit, die im Vorfeld versprochen wurde. Dennoch: Nicht nur Shooter-Fans werden das ungewöhnliche Setting zu schätzen wissen und viele Stunden ihren Spaß haben. Rapture ist eine Reise wert! Simon Weiß

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