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18. 11. 2009

Testbericht: Borderlands

Claptrap. Comiclook. Ödland. Die Kammer. Rollenspiel trifft Egoshooter. Oder umgekehrt? Egal – alles was man über Borderlands wissen muss. Oder doch nicht? Klar ist: der Gearbox Titel polarisiert – und wie.

Denn natürlich haben wir das postapokalyptische Setting, das doch nicht so ernst ist wie man eigentlich denken mag, ähnlich auch im letztjährigen Fallout 3 erlebt. Der Mix aus First-Person-Shooter und Rollenspiel führte uns schon in STALKER – Shadow of Chernobyl in eine unbewohnte Region voller Monster und Freaks. Nichts Neues sind auch die lustig kommentierenden Automaten, mithilfe derer wir unser Equipment aufstocken – die kennen wir aus BioShock. Und doch ist alles ganz anders, logisch.

Riesige Ungetüme bevölkern die "Borderlands"Doch fangen wir von vorne an. Die Geschichte als reisender Schatzsucher beginnt in einem schrottreifen VW-Hippie-Bus-Pendant, das durch die karge Wüste in Richtung Nirgendwo heizt. Pandora heißt der ausladende Planet auf dem wir uns befinden, der mit seinem rauen Klima und der praktisch nicht vorhandenen Vegetation abgesehen vom Namen allerdings rein gar nichts mit der bunten Welt im kommenden James-Cameron-Film zu tun haben will. Im stimmungsvollen Intro erzählt nun ein dicker Typ namens Marcus von der rätselhaften Kammer, einem mutmaßlich außerirdischen Artefakt, das seinem Entdecker unermesslichen Reichtum bescheren soll, und das es im Laufe des Spiels natürlich zu finden gilt. Genau hier liegt es nun auch in der Hand des Spielers, sich für eine der vier verfügbaren Charakterklassen zu entscheiden, mit der er in Pandora aufmischen möchte. Jede dieser Klassen kann dann von einem sogenannten „Actionskill“ Gebrauch machen: während die Sirene flugs in eine andere Dimension verschwindet um sich an den Gegner heranzuschleichen, kann der Jäger einen Falken zum Ausspionieren losschicken, dem grobschlächtigen Brick steht ein besonders harter Faustschlag und dem Soldaten ein an beliebiger Stelle positionierbarer Geschützturm zur Verfügung.

In der kleinen Siedlung Fyrestone in der Region Arid Badlands endet dann abrupt der gemütliche Teil des Ausflugs, denn ab nun heißt es: Aussteigen und Umgebung durch Kimme und Korn sorgfältig im Blick behalten. Doch bevor wir den Abzug durchdrücken dürfen, begrüßt uns zunächst der erste Claptrap, ein Roboter charakterlich wie äußerlich irgendwo zwischen Wall-E und R2D2 angesiedelt. Die ständig quasselnde, tanzende und hüpfende hyperaktive Blechdose begleitet uns nicht nur zu Zed, dem ersten Auftraggeber, sondern eben auch in die Arme einer angreifenden Banditen-Gang. Besagtes Problem mit Waffengewalt aus der Welt geschafft, müssen wir fortan die Gunst Zeds‘ erlangen, indem wir, wie könnte es anders sein, diverse Aufträge für ihn erfüllen. Ganz in der Tradition eines Rollenspiels sind natürlich alle Figuren die einem nicht ans Leder wollen auf quid pro quo aus – um an Informationen zu gelangen, gilt es zunächst sein Leben aufs Spiel zu setzen und meist einen bestimmten Gegenstand zu erwerben. Sehr gut hat beim Questsystem in Borderlands der Umstand gefallen, dass man jederzeit zwischen diversen angenommenen Aufträgen hin- und herschalten kann, sodass man im günstigsten Fall gleich zwei oder drei von ihnen in einer Region abarbeitet.

Beziehungen zu anderen Charakteren sind eher oberflächlichWo nichtlineare, erforschbare Welt und Rollenspiel-Shooter mit Haupt- und Nebenmissionen draufsteht, müssen natürlich auch pfundige Belohnungen drin sein. Und so wirbt Gearbox nicht ohne Stolz mit einer halben Million (!) verschiedener Gegenstände, die noch nicht einmal die Entwickler selbst alle gesehen haben sollen. Schön und gut, aber wie sieht es tatsächlich aus? Zu viel versprochen wurde jedenfalls nicht, denn neben zahlreichen Schießprügeln unterschiedlicher Klassen – von der handlichen Wumme bis hin zum stattlichen Raketenwerfer – gibt es diverse andere Items, die sich äußerst hilfreich im Kampf gegen Bewohner und Fauna auf Pandora herausstellen. Energieschilde, Granaten- und Classmods, Actionskill- und Inventarupgrades, und noch mehr lassen sich besiegten Gegnern abnehmen, an drei verschiedenen Einkaufsautomaten kaufen oder als Sold für eine erledigte Aufgabe einfordern. Da jedes Utensil andere Eigenschaften, Stärken und Schwächen hat, noch dazu das berühmt bewährte Levelsystem für Gegenstand und Charakter Verwendung findet, ist also auf jeden Fall für Abwechslung gesorgt – Sammelsucht inklusive.

Eines bleibt dem Spieler auch auf Pandora nicht erspart:  ewig lange Fußmärsche von einer Gegend in die nächste. Leider ist Borderlands dabei kein „echtes“ Open World Spiel, denn sobald man eine der recht überschaubaren Region verlässt, wird erst die folgende geladen, was sich wiederum in recht langen Ladezeiten äußert. Zwar gibt es kostenlose fahrbare Untersätze, doch lassen die sich einerseits ziemlich schwammig steuern (Konsolenfassungen), andererseits nicht mit in andere Regionen nehmen – stattdessen verschwinden sie einfach beim Überqueren in die nächste. Auch eher unvorteilhaft ist eine viel zu spät freischaltbare Schnellreisefunktion (nach etwa 6 Spielstunden), mit der man zwar in die unterschiedlichen Gegenden springen kann, doch immer nur am zuletzt aktivierten Checkpoint landet. An sich wäre dieser Sachverhalt nicht weiter störend, da die Regionen, wie erwähnt, nicht allzu groß sind. Doch kann es schon nerven, wenn man erst alle im Level anwesenden Gegner ins Jenseits schicken muss, um zum eigentlichen Ziel zu gelangen. Hier wären wir bei einem weiteren Problem von Borderlands, nämlich dem Gegnerverhalten.

Lästig: Besiegte Gegner kehren immer wiederStatt den Spieler als hoch gelevelten und unbesiegbaren Feind zu akzeptieren, stürmen selbst die Widersacher in Fyrestone ständig und immer wieder in einem Anfall von Lebensmüdigkeit auf uns zu. Ein verschwendeter Schuss bringt bei solch Kleinvieh natürlich nur einen Erfahrungspunkt und ist deshalb eigentlich völlig unnötig. Auch kommt es nicht selten vor, dass Rivalen entweder zu früh oder gar nicht auf die Anwesenheit des Spielers reagieren und das Verlassen der sicheren Deckung oft durch den Sachverhalt verhindert wird, dass sie im Sperrfeuer und ohne erkennbare Munitionsbegrenzung genau draufhalten. Weiterhin ist es schon etwas verwunderlich, was sich die Entwickler bei den Spawnzeiten der Gegner gedacht haben. Das was schon bei FarCry 2 unendlich genervt hat, ist leider auch hier Gang und Gebe, denn wie auch dort kann man sich sicher sein: sobald man eine Aufgabe zum ersten Mal in einer Region erfüllt hat und wieder zurückkehrt um sie zu verlassen, darf man sich wieder durch dieselben Feindansammlungen schießen. Äußerst unzeitgemäß ist übrigens, dass man Gegnern dabei zusehen muss, wie sie aus überall in Borderlands platzierten schwarzen Löchern – mal begehbar, mal nicht – gespawnt werden.

Auch wenn der Rollenspiel-Shooter-Mix eine durchaus interessante Spielwelt mit gut durchdachten Quests und einer überzeugenden Spielmechanik bietet, kommt einem doch vieles aus anderen Spielen – allen voran natürlich Fallout 3 – bekannt vor. Etwas fragwürdig ist leider auch die Tatsache, dass der Spieler dazu gezwungen wird, zahlreiche, wenn auch nicht alle, Nebenaufgaben zu erledigen, um den notwendigen Level für die nächste Hauptmission zu erreichen. Geschmacksache, logisch. Doch werde ich den Eindruck einfach nicht los, das man hier versucht hat, das Spiel künstlich in die Länge zu ziehen. Besonders wenn man in den Regionen nach den Arid Badlands einfach stur der hauchdünnen Story folgt, wird man schnell merken, dass nur ein bis zwei Missionen pro Gebiet absolviert werden müssen, um der Kammer näher zu kommen. So muss man also Nebenquests bestreiten und sich durch eher abwechslungsarme Gegnermassen prügeln, um im weiteren Spielverlauf bestehen zu können.

Der Cel-Shading-Look ist GeschmackssacheAls Borderlands im Juli 2007 angekündigt wurde, war in der Presse allerdings nicht nur die Rede von den vielen Items die man finden kann, sondern auch von der imposanten Grafik. Letzteres Detail hat sich nun in den vergangenen zwei Jahren in zweierlei Hinsicht deutlich gewandelt. Zum Einen wurde im April dieses Jahres spontan und erbarmungslos erklärt, dass man von nun an auf das in Spielerkreisen zwiespältig akzeptierte Cel-Shading setze – was den Comiclook zur Folge hat, den wir jetzt bei Borderlands sehen können. Zum Anderen basiert das Spiel auf der Unreal 3 Engine, die zwar nach wie vor fantastisch aussehen kann – Batman: Arkham Asylum hat es vor gemacht –, hier nun allerdings doch nicht mehr so taufrisch aussieht. Dennoch erschafft sich Borderlands durch die Grafik seinen eigenwilligen Stil, der durchaus zu gefallen weiß. Nicht so gut sieht es hingegen bei der akustischen Untermalung aus. Zwar ist der Soundtrack, der leider sehr sporadisch abgespielt wird, äußerst treibend und wird den Situationen angepasst dynamisch eingesetzt, doch ist wieder einmal die deutsche Vertonung Schuld am Atmosphäreschwund. Nicht nur, dass die Claptraps mit ihrer anstrengenden Stimmlage und den sich ständig wiederholenden Kommentaren auf Dauer gehörig nerven, sondern eben auch, dass sehr viele NPCs nicht einmal eine Stimme zu haben scheinen und Sprechsamples von Soldat und Banditen vom selben Synchronsprecher stammen, ist einfach schädlich für eine runde und überzeugende Welt.

Besondere Aufmerksamkeit in der Entwicklung erhielt offensichtlich der Multiplayer-Teil in Borderlands. Nicht nur, dass man im Internet mit bis zu drei Spielern gleichzeitig spielen kann, man darf sich auch auf dem heimischen Fernseher (Konsolenfassungen) per Splitscreen im Coop-Modus vergnügen. Auch wenn das Spiel auf ein Zusammenspiel ausgelegt ist, kann man sich in Duellen Paroli bieten, die u.a. in gesonderten Arenen auf Pandora ausgetragen werden können. Dass hier eigentlich der Maximalspaß aus dem Spiel herausgeholt werden kann, merkt man spätestens an den im Singleplayer-Modus halb so sinnvollen Fahrzeugen, die eigentlich immer einen Fahrer und einen Schützen voraussetzen.

Fazit:

Ich hatte mit Borderlands eine zwiespältige Erfahrung. Einerseits begeisterte mich schon der Einstieg: der coole Stil, die durchdachten Aufgaben, die Möglichkeiten der Charakteranpassung und die enorm vielen Items verursachten auch bei mir ein untypisches Suchtverhalten. Andererseits möchte ich nicht vom Spiel gezwungen werden, noch in der Gegend umherzulaufen und zu leveln um die Geschichte weiterspielen zu dürfen. Zudem ist die Story nun leider nur zum netten Beiwerk verkommen, die Spielwelt, obwohl von ständig wieder erscheinenden Widersachern bevölkert, erscheint seltsam leer und das Gegnerverhalten lässt leider auch oft zu wünschen übrig. Dafür, dass sich der Gearbox Chef Randy Pitchford jüngst über zu wenig Innovation und Wagemut anderer Entwickler mokierte, ist Borderlands nun leider auch nur das schlechtere Fallout 3. Tobias Czullay

Wertung: 7/10

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