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02. 07. 2008

Testbericht: Haze

Soldaten auf Drogen? Klingt gefährlich. Und genau das ist es auch. Im Jahr 2048 kämpft eine Privatarmee gegen vermeintliche Rebellen. Die Wunderwaffe des Konzerns: Ein Stoff namens „Nektar“, der permanent durch die Anzüge der Söldner in deren Blut gelangt. Zunächst kämpft ihr noch als Mantel-Angestellter voller Enthusiasmus für euren Brötchengeber, aber mit der Zeit kommen euch Zweifel an euren „Heldentaten“ für die Demokratie…

Screenshot: HazeIrgendwann in der nahen Zukunft: Der Pharma-Riese „Mantel“ führt im Namen der Freiheit Krieg gegen Rebellen irgendwo in Südamerika. Als Teil der tapferen Söldnerschar ist es eure Aufgabe, die Menschen von der Tyrannei dieser Aufrührer zu befreien. Die Droge Nektar fließt durch euer Blut und sorgt für Hochstimmung: Unter ihrem Einfluss wirken die Farben bunter und wärmer, ihr bewegt euch schneller, könnt ruhiger zielen und Feinde leuchten wie ein Osterfeuer. Unbesiegbar. Zumindest fast. Und so laufen dann auch die ersten Missionen ab: Ihr kämpft euch durch die grüne Hölle Südamerikas und befördert in den schlauchartigen Levels zahlreiche Feinde der Demokratie ins Pixel-Nirwana. Doch schon bald bekommt ihr Probleme mit eurem Kampfanzug, der Nektar-Fluss wird immer häufiger unterbrochen. Plötzlich seht ihr die Welt, wie sie wirklich ist: Verstümmelte Leichen und Blut, tote Zivilisten liegen regungslos in ihren Häusern auf dem Boden. Unangenehme Dinge, die die Droge einfach ausgeblendet hat.

Ziemlich schnell plagen euch also Gewissensbisse, und ihr bekommt ernsthafte Zweifel an eurem heldenhaften Einsatz. Es kommt, wie es kommen musste: Ihr werdet von eurer Truppe versprengt und schwer verletzt. Gerettet werdet ihr ausgerechnet von den Rebellen. Nach einem langen Gespräch mit ihrem Anführer wechselt ihr die Seiten und kämpft fortan gegen die geldgierigen Söldner von Mantel. Keine Sorge: Diese Ereignisse spoilert Ubisoft höchstpersönlich bereits auf dem Klappentext der Spielhülle.

Screenshot: HazeAls Rebell könnt ihr die Schwächen der Mantel-Soldaten gezielt ausnutzen. Da Nektar alles Ungefährliche praktisch ausblendet, könnt ihr als Rebell hervorragend Granaten im Sand verscharren und zur Tretmine umfunktionieren. Oder ihr benutzt das Wundermittel Nektar gegen eure ehemaligen Kumpanen: Mit Hilfe einer Nektargranate sorgt ihr für eine Überdosis. Der getroffene Soldat verliert daraufhin den Verstand und attackiert sogar seine Teamkameraden. Ach ja, das Team: Sowohl als Mantel-Soldat als auch als Rebell stehen euch meist einige Mitstreiter zur Seite. Diese nehmen jedoch keine Befehle entgegen, sondern agieren selbstständig. Die KI lässt die Kollegen – wie auch die Gegner – aber immer wieder in die falsche Richtung laufen, die Deckung verlassen oder einfach im Weg stehen. Auch die ständig gleichen Sprüche beider Seiten fallen schnell unangenehm auf und wirken unpassend und gestellt.

Screenshot: HazeGenerell ist die Story die Stärke von Haze: Gameplay-technisch ist der Titel nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Man merkt deutlich, dass Entwickler Free Radical vor allem mit der Timesplitters-Serie in der letzten Konsolen-Generation Erfolg hatte. Scheinbar fehlt es in Sachen Präsentation und KI einfach noch etwas an Next Gen-Erfahrung. Und trotzdem: Haze macht Spaß. Trotz schlauchartiger, gnadenlos linearer Level. Trotz des Gameplays, das man – bis auf den Nektar zu Beginn – so oder so ähnlich garantiert schon in 100 anderen Shootern gesehen hat. Dennoch gelingt es Haze, den Spieler bei Laune zu halten: Man will unbedingt wissen, wie die Story weitergeht. Denn mit dem Wechsel zu den Rebellen ist es nicht getan: Warum kämpft Mantel gegen harmlose Zivilisten? Was haben die Rebellen zu verbergen? Habe ich mich wirklich für die richtige Seite entschieden? Haze vermittelt dem Spieler permanent das Gefühl, dass es im Krieg kein Richtig oder Falsch gibt. Es gibt einfach nur zwei Seiten und zwei Meinungen. Diese „zwei Meinungen“ lassen sich natürlich auch online diskutieren: Während für Standard-Matches nur die üblichen Modi wie „Deathmatch“ und „Capture the Flag“ bereitstehen, ist besonders der Koop-Modus eine Erwähnung wert. Offline noch auf zwei Spieler limitiert, lässt sich die gesamte Kampagne online sogar mit insgesamt vier Spielern durchspielen. Sobald die leicht dümmlichen KI-Kollegen von menschlichen Mitstreitern ersetzt werden, gewinnt das Spiel sofort ungemein an Dynamik und Motivation.

Auf der technischen Seite ist Haze eher Durchschnitt: Die Grafik kann sich besonders in den dschungelartigen Außengebieten durchaus sehen lassen. Auch die Verwischeffekte unter Nektar-Einfluss sind sehenswert. Innerhalb von Gebäuden schlägt die Stimmung aber leider um, eintönige Grau- und Brauntöne dominieren hier das Bild. Der Sound ist ebenfalls in Ordnung, sogar die deutsche Synchronisation ist überwiegend gelungen. Wirklich störend wirken nur die bereits erwähnten Kommentare der Mitstreiter und Feinde, welche einfach einen zu begrenzten Wortschatz haben und den Spieler deshalb bald mit langweiligen Wiederholungen ärgern.

Fazit

Nur Standardkost? Ja und Nein. Auf der einen Seite langweilt Haze den Spieler mit einem Gameplay, welches jeder Shooter-Freund bereits dutzende Male gespielt hat. Auf der anderen Seite fesselt es den Spieler mit einer spannenden und anspruchsvollen Geschichte, die immer wieder zum Nachdenken anregt. Der Wechsel der Seiten – und damit auch der Wechsel des Spielgefühls – sorgt zusätzlich dafür, dass man den Controller so schnell nicht aus der Hand legt. Dennoch: Das wechselnde Niveau der Präsentation und zahlreiche Schnitzer im Gamedesign und bei der KI halten Haze von einem Einzug in die erste Liga ab. Simon Weiß

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