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04. 03. 2010

Testbericht: Heavy Rain

Nach vielen Präsentationen und gespanntem Warten ist es endlich soweit: der französische Entwickler Quantic Dreams bringt seinen lang erwarteten Videospiel-Thriller Heavy Rain auf den Markt. Bereits das erste Spiel des Entwicklers namens Fahrenheit spaltete die Spieler in zwei Gruppen, weil es zwar wenig mit dem klassischen Konzept eines Videospiels zu tun hatte, dafür aber eine grandiose Geschichte erzählte. Auch Heavy Rain versteht sich nicht als Videospiel, sondern als „interaktiven Film“, in dem all eure Entscheidungen Konsequenzen haben.

Zu Beginn lebt Ethan ein geregeltes Leben...Für Ethan Mars ist die Welt in Ordung: Er ist ein erfolgreicher Architekt, der zwei Kinder mit seiner hübschen Frau hat und in einem schönen Vorort einer fiktiven Stadt in den USA lebt. Nichts scheint sein Glück trüben zu können, bis eines Tages das Undenkbare eintritt: Bei einem Besuch im Einkaufszentrum verliert Ethan seinen Sohn Jason im Gemenge. Dieser rennt auf die Straße, und nach einem Rettungsversuch seines Vaters werden beide von einem Auto erfasst. Jason ist sofort tot, Ethan fällt für ein halbes Jahr ins Koma. Hier macht Heavy Rain einen Sprung in der Zeit: Zwei Jahre nach dem Ereignis ist Ethan von seiner Frau getrennt und lebt zusammen mit seinem zehnjährigen Sohn Sean in einem heruntergekommenen Haus in einem der schlechteren Viertel der Stadt. Hier hört man das erste mal von einer Mordserie: Der Origami-Killer treibt sein Unwesen in der Stadt. Seine Mordopfer sind immer Jungen zwischen neun und dreizehn, die er langsam im Regenwasser ertrinken lässt. Ethan, der nach seinem Unfall unter ständigen Blackouts leidet, macht sich natürlich Sorgen, seinen zweiten Sohn auch zu verlieren. Eines schönen Tages auf dem Spielplatz passiert das Unvermeidliche: Als Sean eine Fahrt auf dem Karussell macht, bekommt sein Vater einen seiner Blackouts. Als er wieder zu sich kommt, steht er allein auf einer dunklen Straße und hat eine Origami-Figur in der Hand. Sean ist entführt worden und Ethan hat keine Wahl, als den Origami-Killer ausfindig zu machen.

Die Mimik der Charaktere lässt auf ihren Gemütszustand schließenDas besondere an Heavy Rain ist die Erzählweise: Man merkt zu jedem Zeitpunkt, dass die Entwickler kein Spiel im klassischen Sinne auf die Beine stellen wollten, sondern einen interaktiven Film. So begleitet man die insgesamt vier spielbaren Charaktere nicht wie in „echten“ Spielen nur durch eine brenzlige Situation nach der anderen, sondern tut auch ganz alltägliche Dinge wie duschen, auf die Toilette gehen oder ein Baby wickeln. Um solche Aktionen auszuführen, muss man Quicktime-Events bestehen, also auf dem Bildschirm angezeigte Tasten drücken. Diese eher passive Art der Steuerung schränkt den Spieler auf der einen Seite ein, auf der anderen Seite erlaubt es dem Spiel, Schnitte und Kamerafahrten einzubauen, die bei einer direkten Steuerung viel zu verwirrend wären. Auf diese Weise wirkt das Spiel sehr cineastisch. Wenn man gerade keine Quicktime-Events bestehen muss, steuert man seinen Charakter direkt. Man kann mit vielen Objekten interagieren und Dialoge mit zahlreichen Personen führen, um Hinweise zum Origami-Fall zu erhalten. Die Steuerung ist hier leider sehr hakelig und braucht einiges an Zeit zur Eingewöhnung. Dies stört die ansonsten sehr dichte Atmosphäre etwas, ist aber zu verschmerzen, weil man seine Charaktere im Gegensatz zu anderen Spielen eher selten direkt steuert.

Die Atmosphäre des Spiels ist recht düster - passend zur ThematikIm Spiel übernimmt man die Kontrolle über insgesamt vier verschiedene Charaktere: Neben dem Hauptdarsteller Ethan Mars steuert man auch hübsche Fotojournalistin Madison Paige, die die Origami-Mordserie untersucht, weil sie eine große Story wittert. Der übergewichtige Privatdetektiv Scott Shelby ist bereits etwas in die Jahre gekommen und untersucht die Morde zusammen mit der Mutter eines der Opfer. Der Letzte im Bunde ist ein FBI-Profiler namens Norman Jayden, der die Tatorte mit seiner Hightech-Brille untersucht und ein schwerwiegendes Drogenproblem hat. Alle haben etwas mit den Morden des Origami-Killers zu tun, doch zeigt sich erst im Laufe der Geschichte, welche Art von Verbindung diese vier miteinander haben. Am Ende des Spiels greifen alle Story-Stränge wie in einem guten Episoden-Film ineinander. Einen „Game Over“-Bildschirm gibt es in Heavy Rain übrigens nicht. Das Spiel übernimmt jede Entscheidung des Spielers und setzt die Story entsprechend fort. So sollte man sich immer gut überlegen, wie man mit anderen Personen spricht und welche Aktionen man ausführt, weil jede Entscheidung Auswirkungen auf den Verlauf des Spieles haben kann.

Ungewöhnliche Kamerafahrten unterstreichen das cineastische FlairAuf der technischen Seite gibt sich Heavy Rain keine Blöße: Die Gesichtsanimationen der Charaktere spiegeln sehr gut ihre Gefühlswelt wieder, die Animationen sind extrem realistisch. Die Umgebungen sind sehr glaubwürdig und strotzen geradezu vor Details. Negativ anzumerken ist lediglich die Darstellung von Menschenmassen: Hier hat man leider zu wenige Charaktermodelle entworfen. Man sieht nicht selten auf einem Fleck gleich fünf NPCs, die exakt dasselbe Aussehen und die gleichen Animationen haben. Hier hätte man sich mehr an Spielen wie Assassin's Creed 2 orientieren sollen. Die Sounduntermalung ist zu jeder Situation passend: Dramatische Samples wechseln sich mit ruhigen Melodien ab und unterstützen die Atmosphäre des Spiels perfekt.

Fazit:


Heavy Rain ist, wie bereits sein inoffizieller Vorgänger Fahrenheit ein Experiment, das bestimmt nicht bei allen Spielern auf Zustimmung treffen wird. Allerdings bietet dieser „interaktive Film“ eine Story, die ihresgleichen sucht und an Emotionalität kaum zu überbieten ist. Kaum ein Spiel war je so glaubwürdig und packend Inszeniert wie Heavy Rain, allerdings sollte man Geduld mitbringen, da das Spieltempo sehr gemächlich ist. Insgesamt lässt sich aber auf jedem Fall sagen: Dieses Experiment ist gelungen! Benjamin Dross

Wertung: 9/10

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