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11. 01. 2010

Testbericht: James Cameron's Avatar - Das Spiel

James Cameron's Avatar ist derzeit in aller Munde. Während sich am Film bereits seit einigen Wochen die Geister scheiden, muss Avatar - Das Spiel (PC, PS3, Xbox360) erst noch zeigen, was in ihm steckt - und dabei wie gewohnt gegen das "Spiel zum Film"-Stigma ankämpfen.

Die farbenfrohe Optik von Avatar kann sich durchaus sehen lassenAuch wenn die Entwickler aus dem Hause Ubisoft Montreal gerne betonen, das Spiel erzähle eine gänzlich andere Geschichte als der Film, ist diese schnell zusammengefasst. Einige Jahre vor der Story des Films landet der Signalspezialist Ryder auf dem Mond Pandora. Dort soll er den RDA-Konzern bei der Rohstoffausbeutung des Mondes unterstützen. Er ist besonders geschickt in der Handhabung seines Avatars, einer genetischen Kreuzung zwischen Mensch und Na'vi, und darum für die RDA so wertvoll. Seine Mission ist es, einen heiligen Ort der Na'vi, der Ureinwohner Pandoras, zu finden, durch den die Menschen die Kontrolle über den Mond erlangen können. Schon bald trifft er auf die ersten Na'vi und beginnt, seine Aufgabe zu hinterfragen. Nun muss Ryder sich entscheiden: Hilft er dem RDA-Konzern, Pandora gewaltsam zu erobern oder unterstützt er als Avatar die Na'vi bei der Verteidigung ihrer Heimat?

Der Spieler schlüpft in die Rolle Ryders und darf  einige kleinere Tutorial-Missionen erfüllen, um sich mit den Basics vertraut zu machen und ein bisschen die Gegend zu erkunden. Avatar tritt dabei zunächst wie ein etwas hakelig zu steuernder Third Person Shooter auf. Der Spieler kann sich auf Pandora jedoch frei bewegen und von bestimmten Figuren Aufträge annehmen, die die Story vorantreiben. Das Missionsdesign erinnert dabei stark an aktuelle MMORPGs: Questgeber haben ein gelb leuchtendes Fragezeichen über dem Kopf schweben und erteilen typische Aufträge: Geh nach A, sprich mit B und sammle zehn C. Für erfüllte Missionen, getötete Gegner und gesammelte Gegenstände erhält man Erfahrung und durch so erarbeitete Level Ups neue Waffen, Rüstungen und Fähigkeiten.

Als menschlicher Soldat spielt sich Avatar wie ein gewöhnlicher ShooterNach etwa zwanzig Minuten Spielzeit wird der Spieler vor besagte Entscheidung gestellt: Er kann als RDA-Soldat weiterspielen oder sich als Avatar vollends auf die Seite der naturverbundenen Na'vi schlagen. Spielt man als Mensch, spielt man einen recht klassischen Shooter mit Schrotflinten, Sturmgewehren, Flammenwerfern usw. Hinzu kommen einige Fahrzeugpassagen und auch in die Lüfte geht es mit den helikopterartigen Scorpions, die sich im Übrigen ganz fürchterlich steuern. Spielt man als Avatar weiter, ändert sich das Spielkonzept ein wenig: Die Na'vi sind deutlich agiler als die Menschen und können somit schneller laufen, höher springen usw. Als Waffen verwenden sie eher archaisches Kriegsgerät wie Pfeil und Bogen, Kampfstäbe oder Klingen, sie können jedoch auch ein Maschinengewehr der Menschen tragen. Dennoch ist das Spiel als Avatar deutlich nahkampflastiger, da die Na'vi hier effektiver sind. Statt auf Fahrzeuge greifen die Na'vi zur schnelleren Fortbewegung auf Pferdeähnliche Kreaturen oder die fliegenden Ikran zurück. Sowohl Menschen als auch Na'vi haben bestimmte Spezialfähigkeiten. Leider unterscheiden diese sich kaum voneinander: Beiden Rassen stehen bis auf wenige Ausnahmen wie den Luftangriff der Menschen fast die gleichen abrufbaren Fähigkeiten wie Schnelleres Laufen, Tarnen oder Selbstheilung zur Verfügung.

Deutlicher werden die Unterschiede im Multiplayer, wo beide Fraktionen in fünf klassischen Spielmodi wie z. B. Capture the Flag, Control Points und King of the Hill gegeneinander antreten. Hier muss man die Stärken seiner Rasse schon voll ausspielen, um zum Sieg zu gelangen. Das durchschlagskräftige Arsenal der Menschen erweist sich auf der Mehrzahl der Maps als leicht im Vorteil, gleichzeitig ist es aber ungleich befriedigender, sich als Na'vi unsichtbar an eine Gruppe Menschen anzuschleichen und gleich mehrere von ihnen auf einmal mit dem Kampfstab zu erledigen. Kurzfristig ist Avatar im Multiplayer tatsächlich recht spaßig, auf lange Sicht werden sich die Spieler aber kaum von Titeln wie Halo 3 oder Modern Warfare 2 weglocken lassen.



Die Steuerung der Flugabschnitte ist gewöhnungsbedürftig

Avatar zeigt zwar Ansätze eines scheinbar interessanter Genre-Mixes aus 3rd Person Shooter, Action Adventure, Sandbox-Game und Rollenspiel, letzten Endes ist aber all das nur Augenwischerei: Das Missionsdesign ist vollkommen linear - außer einigen Fleißaufgaben vom Typ "Töte X Gegner" oder "Sammle X Proben" erhält man immer nur eine Hauptquest, die an die verschiedenen Orte der Handlung führt. Auch von Charakterentwicklung kann kaum die Rede sein: Waffen und Rüstungen werden zwar auf dem Papier besser - effektiv merkt man davon jedoch nichts, zumal man Upgrades automatisch erhält. Auch die offene Welt lädt wenig zur Erkundung ein: NPCs reden nicht mit dem Spieler sondern meckern ihn maximal an, wenn man ungestüm gegen sie rempelt. Und außer ein paar außerirdischer Kreaturen und hier und da malerischer Aussicht wird man auf Pandora nichts Interessantes finden.

Immerhin ist die Welt wirklich hübsch gestaltet. Sicherlich kann Avatar optisch nicht ganz mit Genre-Kollegen wie Uncharted 2 mithalten - die Dschungelwelt von Pandora sieht dennoch sehr gut aus, wenngleich Innenareale ein wenig gegen die Wälder abfallen. Auch die Charaktermodelle und Animationen wissen nicht hunderprozentig zu überzeugen, insgesamt ist das Spiel aber schön anzusehen. Dies gilt natürlich erst recht für die wenigen Spieler, die bereits einen 3D-fähigen Fernseher besitzen. Dann nämlich kann man Avatar als erstes käuflich erwerbbares Spiel überhaupt in echtem stereoskopischem 3D erleben.

Um der Story folgen zu können, sollte man den Film gesehen habenNeben der schönen Optik probiert Avatar zwar viel, kann aber in keinem Bereich vollends überzeugen. Vor allem auf der Story-Ebene zeigen sich die Schwächen des Spiels: Die Geschichte ist entgegen aller Behauptungen im Grunde doch genau dieselbe wie die des Films. Viel schlimmer ist allerdings, dass Avatar - Das Spiel es nicht für nötig hält, wichtige Dinge zu erklären: Was ist eigentlich ein Avatar? Wie funktioniert diese Technologie? Und vor allem: Welche Funktion haben die Avatare überhaupt? Warum sind die Menschen auf Pandora und was führt zu dem erbitterten Konflikt mit den Na'vi? Diese Informationen erfährt man vielleicht im Film und in Wikipedia-Artikeln, aber sicher nicht im Spiel. Oftmals fragt man sich als Spieler, warum man eigentlich gerade durch den Dschungel hetzt. Natürlich wird hier vorausgesetzt, der Spieler kenne den Film - schlechtes Storytelling und Gamedesign ist es trotzdem.

Fazit:

Avatar ist kein furchtbar schlechtes Spiel geworden, es ist in allen Belangen einigermaßen solide. Aber es ist auch in keinster Weise sonderlich gut. In ein paar Jahren wird man sich - wenn überhaupt - vielleicht noch daran erinnern können, dass es Teil eines unglaublich gehypten Franchises war und das erste Spiel, dass echte 3D-Optik für den Heimbedarf bot. Fans der von James Cameron erschaffenen Welt dürfen zugreifen, wenn sie etwas tiefer in die Dschungel von Pandora eindringen wollen: Vor allem die umfangreiche Info-Datenbank namens "Pandorapedia" wird ihnen Freude bereiten. Alle anderen lassen besser die Finger von Avatar und spielen lieber andere aktuelle Third Person-Perlen wie Assassin's Creed 2, Uncharted 2 oder Batman: Arkham Asylum. Felix Maliers

Wertung: 4/10

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