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21. 05. 2010

Testbericht: Lost Planet 2

Lost Planet war seiner Zeit ein Überraschungshit: Das actionreiche Gameplay mit einigen frischen Ideen, gepaart mit einer beeindruckenden Präsentation, konnte viele Fans gewinnen und sorgte dank seines Erfolgs auch in Capcoms Chefetage für zufriedene Gesichter. Ein zweiter Teil war die logische Konsequenz: Dieser macht ein paar Dinge anders, nicht immer alles besser – und überrascht vor allem mit einer gewagten Designentscheidung.

Lost Planet 2Schon im Menü wird klar, wie Capcom die Prioritäten diesmal gesetzt hat: Lost Planet 2 ist ein Online-Spiel. Um eine Einzelspieler-Kampagne zu starten, sucht man den Menüeintrag „Neues Spiel“ vergeblich: Stattdessen müsst ihr in den „Offline“-Modus wechseln, um euer eigenes Spiel mit Bots zu hosten. Das ist nicht nur umständlich, es schmälert auch unweigerlich die Hoffnung auf eine gelungene, vielleicht sogar epische Erzählung. Stattdessen hat man das Gefühl, „mal eben“ eine Runde Lost Planet 2 zu starten, nur dass man statt menschlicher Mitspieler auf die KI angewiesen ist – und computergesteuerte Mitstreiter waren bisher nur selten ein Grund zu Jubeln.

Lost Planet 2Eine Geschichte spendiert Capcom dem Titel dennoch, die sogar in sehr ansehnlichen Zwischensequenzen vorangetrieben wird. So richtig mitreißen will das Geplänkel um Rohstoffe auf einem fernen Stern aber nicht: Man hört etwas von einem bösen Großkonzern, der die Ressourcen des Planeten ausbeuten will. Dazu gibt es Eispiraten, Dschungelpiraten und noch einige andere Widerstandsgruppen, die sich alle untereinander spinnefeind sind. Moment – Dschungelpiraten? Richtig. Hat man sich im ersten Teil durchgehend mit arktischen Temperaturen herumgeschlagen und musste immer ein Auge auf seine Thermalenergie haben, verschlägt es euch in Teil zwei diesmal auch in gemäßigtere Gebiete. Der bereits erwähnte Dschungel ist eine der neuen Landschaften, außerdem besucht ihr im Verlauf des Spiels auch noch die Wüste sowie diverse Industrieanlagen. Das Ausbeuten der natürlichen Ressourcen hat zu einem dramatischen Klimawandel geführt, weswegen große Teile des Planeten eisfrei sind und sich erstaunlich entwickelt haben. Aber keine Sorge: Auch diesmal müsst ihr wieder den ein oder anderen Schneesturm überstehen. Insgesamt wirkt die Story leider aufgesetzt, einzelne Charaktere sind flach und austauschbar. Selbst eure eigenen Teamkameraden, die euch eigentlich im Verlauf der Kampagne ans Herz wachsen sollten, sind nicht mehr als notwendige Mitläufer ohne Gesicht.

Lost Planet 2Während ihr in Lost Planet noch als einsamer Held alle Lorbeeren für euch alleine einheimsen konntet, ist das Spiel als Solist im zweiten Teil eher frustrierend. Capcom hat es wieder geschafft, euch zahlreiche übermächtige Gegnerhorden auf den Hals zu hetzen, die dazu meist noch recht unfair bewaffnet sind. Daher ist es ratsam, auch in den Einzelspieler-Sitzungen die drei möglichen Bots als Teamkameraden zuzuschalten, da ihr sonst schnell mehr Tode sterbt als ihr Schüsse abgeben könnt. Allerdings helfen die KI-Kollegen nur gegen die zahlenmäßige Überlegenheit. Genau wie eure Gegner sind auch die eigenen Computersoldaten nämlich alles andere als clever. Soll heißen: Viel zu oft ignorieren eure Kameraden den Feind einfach, genau so oft werdet ihr aber auch von den Gegnern übersehen. Taktisches Vorgehen werdet ihr ebenfalls auf beiden Seiten vergeblich suchen, sodass Lost Planet 2 meist eher an einen Arcade-Shooter erinnert. Etwas taktischer wird es erst, wenn ihr von den Online-Möglichkeiten gebrauch macht und zusammen mit drei menschlichen Mitspielern ins Feld zieht. Hier sind auch die meisten Missionen wesentlich weniger frustrierend: Beispielsweise, wenn ihr zwei Energieknoten gleichzeitig über einen bestimmten Zeitraum halten müsst, während der Gegner versucht eben diese abzuschalten. Seid ihr nun mit den wenig cleveren Bots unterwegs, scheitern diese Missionen an dem reinen Unvermögen eurer Mitstreiter, sich wenigstens taktisch auf beide Ziele zu verteilen. Da ihr auch keinerlei Befehlsgewalt über die KI habt, könnt ihr euch an solchen Stellen  leider nur hilflos ärgern. Zusätzlich müsst ihr immer ein Auge auf eure Team-Punkte haben: Diese werden verbraucht, wenn ihr oder ein Mitstreiter fallt und ins Leben zurückgeholt werdet. Sind alle Punkte weg, müsst ihr die ganze Mission von vorne beginnen.

Lost Planet 2Generell ist das Missionsdesign etwas eintönig: Neben den erwähnten Energieknoten geht es in den meisten Einsätzen darum, einige Datenstationen zu aktivieren. Diese decken einen Teil der Minimap auf und versorgen euer Team mit der lebenswichtigen Thermalenergie. Im ersten Teil war diese wichtig, weil ihr aufgrund der extremen Kälte stetig etwas von dieser Ressource verbraucht habt. War sie aufgebraucht, habt ihr das Zeitliche gesegnet. In den Dschungeln und Wüsten des zweiten Teils funktioniert sie mehr als eine Art indirekte Lebensenergie: Werdet ihr getroffen, füllen sich die Lebenspunkte langsam mit Hilfe der Thermalenergie wieder auf. Ein Druck auf die Starttaste beschleunigt den Vorgang. Thermalenergie sammelt ihr durch Datenstationen, das Zerstören von Gebäuden und natürlich durch das Eliminieren von Gegnern. Letztere lassen auch gerne Ausrüstung oder Credits fallen, die zwischen den Missionen gegen zufällige Zusatzausrüstung eingetauscht werden können. Auch zahlreiche Optionen zur Individualisierung für euren Charakter lassen sich durch Credits erkaufen: Vom Aussehen bis zum Rufnamen könnt ihr nahezu alles beliebig anpassen.

Lost Planet 2Die wichtigsten Antagonisten des Spiels fehlen natürlich noch: Die mächtigen Akriden, teilweise gigantische Monster, die das Innere des Planeten bewohnen und immer wieder aus dem Boden hervorbrechen, um den menschlichen Invasoren das Leben schwer zu machen. Die Bosskämpfe gegen diese Ungetüme - die oft stark an die Monster Hunter-Serie erinnern - sind auch das unbestrittene Highlight von Lost Planet 2. Hat man mit seiner vier Mann starken Truppe einen dieser Giganten niedergestreckt, stellt sich ein Gefühl des Triumphes ein, das einem das Spiel ansonsten aufgrund monotoner Missionen leider verwehrt. Allerdings merkt man bei diesen Kämpfen besonders online, was die eigentliche Idee der Entwickler war: Zusammen auf die Jagd zu gehen, sich zu koordinieren und gleichzeitig über das imposante, explosive Chaos und die generell gelungene Präsentation zu freuen. Um die Kämpfe zu bestreiten, stehen euch im zweiten Teil natürlich einige neue Möglichkeiten offen: Zunächst wurde die Idee der Mechs, hier „Vital Suits“ genannt, wieder aufgegriffen. Diese gibt es jetzt in wesentlich mehr Ausführungen als zuvor, selbst „Helikopter-Mechs“ dürft ihr hin und wieder benutzen. Auch die Bewaffnung in den Vital Suits und zu Fuß wurde aufgebohrt und ergänzt: Klassische Projektilwaffen und moderne Laser-Schießprügel laden dazu ein, die Karte und Schutt und Asche zu legen. Sehr praktisch ist auch der neue Energieschild, den ihr sogar auf Knopfdruck als Waffe einsetzen könnt. Vom Schießen bis zum Enterhaken, mit dem ihr höher gelegene Gebiete schnell erreicht, spiel sich der zweite Teil ansonsten wie sein Vorgänger. Lost Planet 2 lässt sich nicht nur kooperativ, sondern auch in einigen Versus-Modi online spielen: Hier dreht sich neben Abschüssen ebenfalls alles um Datenstationen und Energie-Knoten. Unerwartet, aber gern gesehen ist auch der Splitscreen-Modus für zwei Spieler an einer Konsole, in dem sich ebenfalls alle Modi inklusive der kompletten Koop-Kampagne bestreiten lassen.

Auch wenn man der MT Framework 2.0-Engine, die zuletzt in Resident Evil 5 zum Einsatz kam, allmählich ihr Alter anmerkt, kann sich Lost Planet 2 dennoch absolut sehen lassen. Besonders die imposanten Explosionen mitsamt eindrucksvollen Verwischeffekten verleihen der Dauerfeuer-Action eine angenehme Atmosphäre – auch wenn sich das Spiel dank leicht unscharfer Texturen und fehlenden Details nicht mit der Grafikpracht eines Modern Warfare 2 oder Uncharted 2 messen kann. Der Sound untermalt das Geschehen passend, vor allem die gigantischen Bossgegner werden durch einen vielbeschäftigten Subwoofer passend begleitet.

Fazit:

Irgendwie kann Lost Planet 2 nicht an den Vorgänger anknüpfen. Das liegt natürlich vor allem daran, dass sich das grundlegende Spielgefühl kaum verändert hat und der Zahn der Zeit aber auch an dieser ehemals innovativen Spielmechanik genagt hat. Alle Neuerungen sind logische Ergänzungen, aber ebenso erwartet wie unspektakulär. Der starke Team-Fokus ist eine nette Idee, die aufgrund der mangelhaften KI aber nur online funktioniert. Man wird das Gefühl nicht los, dass Capcom hier versucht, ein „Online only“-Spinoff als legitimen zweiten Teil zum Vollpreis zu verkaufen. Hierzu fehlt es Lost Planet 2 aber an einer echten Kampagne, die vorhandene kann man bestenfalls als „bemüht“ bezeichnen. Wer den Vorgänger mochte und auch bei Spielen wie Left 4 Dead oder Bad Company 2 nicht an der Einzelspieler-Kampagne interessiert ist, wird sicher auch mit Lost Planet 2 ein paar nette Abende haben. Solisten können aber genau so gut den Vorgänger aus den Budget-Regalen hervorwühlen – dieser ist im Kern das Gleiche, bietet aber eine wesentlich rundere Kampagne. Dazu kommt, dass beide Teile in Zeiten eines hervorragend inszenierten Uncharted 2 aufgrund der simplen Spielmechanik leider nicht mehr in der ersten Liga mitspielen können – für Lost Planet 3 sollten die Entwickler definitiv einen Neustart der Serie erwägen. Simon Weiß

Wertung: 6/10

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