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09. 07. 2010

Testbericht: Naughty Bear

Man stelle sich folgende absurde Situation vor: Die Glücksbärchis, die Gummibärenbande und Winnie Puuh feiern auf einer prächtigen paradiesischen Insel eine große Geburtstagsparty. Luftballons, Geburtstagstorte und Wackelpudding soweit das Auge reicht, auch Barbecue-Grill und Lagerfeuer lassen das Ausmaß der heiteren Zusammenkunft erahnen. Klar auch, dass hier alle eingeladen sind, Bruno und Knut ihre Bekannten, Freunde und Freundesfreunde mitbringen dürfen. Nur ein Bär steht nicht auf der Gästeliste. Trotzdem bereitet sich dieser darauf vor, der Veranstaltung einen kurzen Besuch abzustatten – mit Messer, Axt und Golfschläger im Gepäck.

Überflüssig zu erwähnen ist an dieser Stelle wohl, dass ihr den miesepetrigen Anarchoteddy in Naughty Bear (Xbox 360, PlayStation 3), dem neuesten Titel von Artificial Mind & Movement,  spielen dürft. Und natürlich wird er besagte Gegenstände nicht verschenken, sondern sie gegen die fluffigen Artgenossen verwenden – koste es was es wolle. Ob diese an sich recht innovative Idee auch funktionieren kann?

Die Antwort gleich vorneweg: Mal ja, tendenziell leider eher nein. Zum Einen haben wir da Artificial Mind & Movement als Entwicklerstudio, welches nun nicht unbedingt zu den bekanntesten Spieleschmieden zählt, aber dennoch als unabhängiges Studio stets versucht, neue Ideen zu fördern und umzusetzen. Hut ab dafür! Zum Anderen haben wir da Artificial Mind & Movement als Entwicklerstudio, welches nun nicht unbedingt dafür bekannt ist, gute Ideen auch gut umzusetzen. Schon WET enttäuschte im letzten Herbst durch gravierende Mängel in der Bedienung und durch monotones Spieldesign.

Ebenso verhält es sich leider auch mit Naughty Bear. Es gibt keine (!) Handlung, stattdessen liefert jede der sieben Episoden – welche nochmals in fünf Kapitel unterteilt sind – unterschiedliche Situationen, in denen sich unser Naughty Bear irgendwie vernachlässigt fühlt und sich an einem oder mehreren Bären rächen soll. Es gibt keine Charaktere im klassischen Sinn, einzig der unartige Bär ist als Identifikationsfigur zu verstehen – was irgendwie nicht richtig funktionieren will. Und mit am Schlimmsten: Es gibt kaum Abwechslung im Leveldesign, da fast jedes der Kapitel gleich aussieht – hier und da steht ein Baum anders – und sich gleich spielt.

Naughty BearMöglicher Dialog zwischen zwei Spieleentwicklern in der Konzeptphase: „Hey Mensch, geht dir diese Fröhlichkeit von diesem Barney-Dino und den Teletubbies aus dem Fernsehen nicht auch total auf die Nerven?“ – „Klar! Wollen wir ein Spiel machen, über irgendsoeinen bösen… Bären?“ – „Ja, und er muss böse sein!“ – „Jaja, sag ich ja! Er soll andere Bären erschrecken!“ – „Uff, tja. Wie machen wir das mit der K.I.?“ – „Wird schon! Ansonsten haben wir doch noch Messer, Schwerter, Äxte, Maschinenpistolen…“ Schwermütig muss man heute sagen: Es wurde nicht. Zwar erkennen euch die Bären sofort als Feind, verbarrikadieren sich in ihren Häusern, greifen an oder laufen weg, aber wirklich nachvollziehbar handeln sie kaum. „Klar, sind ja nur Teddybären!“ ist man geneigt zu sagen, allerdings besteht auch ein nicht unwesentlicher Teil des Spiels darin, sich vor seinen potentiellen Opfern zu verstecken – was durch ihre ausgeprägte Auffassungsgabe durchaus als hakelig betitelt werden darf.

Apropos hakelig: Die Steuerung gestaltet sich als äußerst schwierig, da trotz der ausschließlichen Bewegung über einen Analogstick nur acht Winkel – also die eines digitalen Steuerkreuzes – angesteuert und effektiv umgesetzt werden. Nicht unerwähnt bleiben sollte an dieser Stelle noch die katastrophale Kamera, die in Kombination mit der übersensiblen Navigation die Übersicht in vielen Situationen vollständig ruiniert. Nicht nur, dass sie sich bei manueller Einstellung und gleichzeitiger Bewegung manchmal schlicht weigert eine gewisse Position einzunehmen, auch willkürlich ausblendende und eben nicht ausblendende Gegenstände eines Levels verkomplizieren das Manövrieren unnötig.

Naughty BearSollte es dann nach etwas Übung tatsächlich funktionieren, kann man sich der Kernaufgabe in Naughty Bear widmen: Terror zu verbreiten. Allerdings ist nicht immer gefordert, dass ihr den versammelten Bären stupide und Aufsehen erregend mit einer der vielen herumliegenden Waffen das Leben austreibt. Pro Kapitel gibt es eine Aufgabe, sogenannte „Challenges“, die sich auf die sieben Episoden verteilt allerdings wiederholen. So wird bei „Invisible Challenge“ unentdecktes Vorgehen gefordert, bei „Friendly Challenge“ darf gar keine Gewalt, sondern nur die Kunst des Erschreckens angewandt werden. Tatsächlich kann der ungezogene Held andere Bären durch bloßes Erschrecken buchstäblich in den Wahnsinn treiben – haben sie ein gewisses Pensum an Fassbarkeit überschritten, bringen sie sich selbst um. Auch gilt es, die Flucht von Zeugen per Auto oder Boot zu verhindern, oder einen Anruf bei der Bärenpolizei oder der Armee zu unterbinden. Denn natürlich lässt sich auch das heitere und unbeschwerte Bärenvolk nicht die Party verderben und telefoniert mal eben nach Hilfe – ist ein solcher Anruf erfolgreich, steigt hat dies einen Anstieg des Schwierigkeitsgrades zur Folge.

Wie schon bei WET steht das Sammeln von Punkten klar im Vordergrund. Wirklich jede Handlung wird mit einer gewissen Anzahl von „Naughty Points“ prämiert. Nicht die direkte Konfrontation, sondern geniales Vorgehen wird belohnt, etwa wenn ihr gewisse Gegenstände, wie einen Barbecue-Grill sabotiert und einen Bären während der Reparatur erschreckt oder in die Flammen drückt. Multiplikatoren für diese Punkte können als kurz andauernde Boni eingesammelt oder mit besonders  schrecklichen Taten erreicht werden – ein Kommentator feuert euch dabei stets zu euren Gräueltaten an. Und die können wirklich grausam sein…

Ist ein gegnerischer Bär am Boden, gibt es die Möglichkeit einen Finishing-Move auszuführen, der – Überraschung – mit mehr Punkten belohnt wird. Diese Animationen unterscheiden sich je nach gewähltem Tötungswerkzeug: So landet die Axt schon mehrere Male im Kopf bevor Fluffy in sich zusammensinkt, das Messer wird nach Eindringen im Körper nochmal kräftig gedreht, der Kricketschläger tut am lebenden Objekt das was er normalerweise mit Bällen tut und auch ohne Golf-Tee gibt der Golfschläger beim Drive ordentlich eins auf die Nuss. Würden in diesen – blut- aber nicht daunenfreien – Tötungsanimationen Menschen ermordet, stünde wohl kaum FSK16 auf dem Cover von Naughty Bear.

Naughty BearWidmen wir uns zum Schluss dieses Artikels dem Offensichtlichsten eines jeden Spiels: der Grafik. Auch hier kurz und knapp: Naughty Bear sieht unsagbar hässlich aus. Erinnert sich noch jemand an die PlayStation 2 aus dem Jahr 2000? Dieses Spiel hätte es wohl nicht einmal zu einem Launch-Titel geschafft. Tatsächlich ist der Grafikstil in seiner knallbunten Präsentation treffend gewählt, doch sind die Texturen weit von High Definition entfernt. Hier sei ein kleiner Verweis auf LittleBigPlanet gestattet, das mit seinem ebenfalls sehr farbenfrohen und einfachen Stil definitiv zu verzaubern wusste – ein ähnlicher Versuch ist hier absolut misslungen. Noch dazu unverständlich ist die Tatsache, dass Naughty Bear ruckelt als würde ein moderner Shooter auf einem fünf Jahre alten PC gespielt werden. Dass dies bevorzugt in Auseinandersetzungen mit anderen Bären auftritt, ist absolut inakzeptabel.

Als kleine Anmerkung vielleicht noch der Verweis auf den Multiplayer-Modus des Spiels. Während dieser Test entstand war nicht ein einziger Server erreichbar, eine selbst erstellte Session wurde mit nur einem von drei möglichen Kontrahenten ausgetragen. Vier Modi soll es geben, vier Karten stehen anfangs zur Verfügung – das schreit geradezu nach DLC-Updates. Aufgrund der mangelnden Verfügbarkeit muss an dieser Stelle leider auf eine fachkundige Einschätzung verzichtet werden.

Fazit:

Wer Naughty Bear ernst nimmt, ist selber Schuld – wer den Vollpreis für dieses Spiel bezahlt allerdings auch. Als Download-Titel für zehn bis fünfzehn Euro hätte man hier noch ein Auge zudrücken können, für die aktuellen Anschaffungskosten kann man jedoch keine Empfehlung aussprechen. Klar ist der fiese Bär ein Sympathieträger für alle, die sich schon immer einmal durch Teletubbies und Glücksbärchis säbeln wollten, doch sorgen technische Macken wie die absolut betagte Grafik und die schwammige Steuerung eher für Frust als für Spaß am Meucheln. Und so reiht sich Naughty Bear leider ein in die Reihe von Artificial Mind & Movement Spielen, die sich im Ansatz als innovativ präsentieren, die Freude darüber aber aufgrund der schlechten Umsetzung auf der Strecke bleibt. Tobias Czullay

Wertung: 3/10

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