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05. 08. 2010

Testbericht: StarCraft II - Wings of Liberty

12 Jahre musste Korea auf einen neuen Volkssport warten. 12 lange Jahre, in denen Stracraft-Fans rund um den Globus pixelige Echtzeitschlachten in VGA-Auflösung austragen mussten. Doch nun haben die legendären Schmiede bei Blizzard ein Einsehen: Sie schenken den darbenden Fans einen zeitgemäßen Nachfolger. Ist Starcraft 2 die Aufregung wert?

Starcraft II: Wings of LibertyWer noch vorhat, den ersten Teil der Weltraumsaga durchzuspielen, sollte jetzt lieber nicht mehr weiter lesen. Genau genommen sollte er auch Starcraft 2 lieber noch nicht anrühren: Bereits während der Installation wird nämlich in Standbildern und gelesenem Text die gesamte Geschichte von Starcraft samt seines Addons Brood War noch einmal zusammengefasst. Zu Beginn des zweiten Teils ist Jim Raynor – den ihr im Spiel verkörpert – nur noch ein verzweifelter, machtloser und abgebrannter Rebell, der einen aussichtslosen Kampf gegen die Schreckensherrschaft des einstigen Freiheitskämpfers Arcturus Mengsk führt. Nach der Revolution stieg diesem die Macht zu Kopf, weshalb die Bevölkerung in der gesamten Galaxie unter seiner eisernen Regentschaft leiden muss. In einer schäbigen Wüstenbar mitten im nirgendwo bekommt Raynor dann eines Tages Besuch von seinem alten Freund Tychus, der für eine undurchsichtige Forschergruppe Artefakte der Protoss beschaffen soll. Gleichzeitig kommen Berichte über erneute Zerg-Angriffe auf: Die Königin der Klingen – niemand anderes als Raynors alte Flamme Kerrigan – führt den Zwerg-Schwarm an und will nicht ruhen, bis alle Menschen und Protoss vernichtet sind.

Starcraft II: Wings of LibertyUnd wieder einmal dreht sich alles um den endlosen Kampf der Menschen, die die Fraktion der Terraner stellen, gegen die alles vernichtende Zerg-Brut. Auch die außerirdische, hochtechnisierte und geheimnisvolle Rasse der Protoss mischt wieder mit und ist im Laufe der Kampagne sogar kurz spielbar. Ganz recht: Blizzard hat diesmal so viel Wert auf eine cineastische Kampagne gelegt, dass ihr Umfang nur für die Terraner gereicht hat. Abgesehen von einem kurzen Protoss-Gastspiel dreht sich demnach der gesamte Einzelspieler-Modus um Raynor und seinen Kampf gegen Mengsk und die Zerg. Die Story baut während der knapp 15 Stunden Spieldauer eine beeindruckende Atmosphäre auf, was nicht zuletzt der Verdienst der gut gemachten Videosequenzen ist, die den Charakteren Leben einhauchen und die spannende Geschichte mit perfekt inszeniertem Spannungsbogen weitererzählen. Ähnlich opulent soll es auch bei den Kampagnen der Zerg und Protoss zugehen, die in ferner Zukunft als eigenständige Spiele erscheinen.

Starcraft II: Wings of LibertyAber wir alle wissen: Was zählt, ist aufm Platz. Und hier erweist sich Starcraft 2 als erwartet konservativ. Die Echtzeitstrategie fühlt sich tatsächlich auf Anhieb so an wie schon vor 12 Jahren. Selbst die Einheiten erkennt man auf einen Blick wieder und weiß instinktiv, für welche Aufgaben sie sich am besten eignen. Blizzard belohnt dieses Wissen erfahrener Starcraft-Spieler und hat nur sehr zögerliche Neuerungen einprogrammiert. So lassen sich beispielsweise die Versorgungsdepots der Terraner jetzt absenken, wodurch sie sich hervorragend als Schutzwall gegen feindliche Anstürme eignen – bei Bedarf fährt man sie einfach auf Boden-Niveau und lässt die eigenen Einheiten aus der Basis spazieren. Auch wird das Erkunden der Karte während einer Mission stärker belohnt: Überall verstreut findet ihr so beispielsweise Mineralien- und Vespin-Gas-Container, die beim Überlaufen sofort euer entsprechendes Ressourcen-Konto auffüllen. Auch die genannten Artefakte sind teils gut versteckt auf der Karte zu finden: Diese sind nicht nur für Tychus wichtig, auch ihr benötigt diese, um zwischen den Missionen an neuen Einheitentypen, Verbesserungen und neuen Gebäuden zu forschen. Gleiches gilt für DNA-Proben der Zerg: In einem eigenen Technologiebaum könnt ihr diese ebenfalls dazu einsetzen, die eigene Armee auszubauen.

Starcraft II: Wings of LibertyFür jeden geglückten Einsatz erhaltet ihr außerdem Credits, die ihr ebenfalls für die Verbesserung eurer Truppen ausgeben dürft. Hier habt ihr die Qual der Wahl, denn das Geld ist knapp und die Möglichkeiten sind vielfältig. So müsst ihr euch beispielsweise zwischen besserer Panzerung oder gesteigerter Schusskraft für eure Marines, oder Upgrades für eure Gebäude entscheiden. Das Forschen zwischen den Missionen ist ein netter neuer Aspekt, der dem Spiel etwas strategische Tiefe verleiht. Während der Einsätze selbst ist nämlich eher wenig Abwechslung angesagt: Zwar gibt es neben den üblichen „Bauen-und-Überrennen“-Missionen auch noch Bergungsmissionen unter Zeitdruck oder taktische Aufgaben mit nur einem kleinen Stoßtrupp – im Vergleich zum ersten Starcraft hat sich beim Missionsdesign aber nicht viel getan. Mikromanagement ist nur selten nötig, stattdessen verhilft das alte „Einbunkern, dann Überrennen“-Prinzip fast immer zum Erfolg. Hat man im späteren Spielverlauf einige mächtige Einheiten freigespielt, verkommt der normale Schwierigkeitsgrad fast zum Kinderspiel.

Starcraft II: Wings of LibertyEine Disziplin, die Blizzard meisterhaft beherrscht, ist das Balancing: Der Feinschliff an diesem ist nicht nur der Grund für die lange Wartezeit und die häufigen Verschiebungen während der Beta-Phase, er ist auch der Grund für den perfekt funktionierenden Multiplayer. Zusammen mit dem neuen BattleNet hat Blizzard hier das ultimative Rundum-Glücklich-Paket geschnürt, das alle Fans von Echtzeitstrategie lange fesseln wird. Gegen menschliche Spieler hilft natürlich keine 08/15-Taktik, der Spielablauf wird deutlich komplexer. Plötzlich kommen alle Eigenschaften der Einheiten zum Tragen und müssen perfekt gegeneinander ausgespielt und kombiniert werden – nach der etwas eintönigen Einzelspieler-Kampagne ist man überrascht, wie viel Spieltiefe das Konzept auch nach so langer Zeit noch zu bieten hat. Alle drei Fraktionen dürfen in Mehrspieler-Gefechten gesteuert werden, wobei alle drei einige Einheiten aus der Kampagne einbüßen mussten – dem Balancing zuliebe. Zusammen mit den Funktionen des neuen BattleNet sind durchspielte Nächte garantiert: So könnt ihr beispielsweise mit Spielern aus eurer Freundesliste eine Gruppe bilden, um euch in Gruppenpartien gegen andere Spieler vermitteln zu lassen. Zahlreiche Achievements aus Single- und Multiplayer samt freischaltbarer Avatare und Abzeichen sind gut für das Ego und lassen eure Gegner – nach einem Blick auf eure lückenlos dokumentierte Statistik – schon vor dem Beginn einer Partie vor Ehrfurcht erzittern.

Auf der technischen Seite bietet Starcraft 2 keine Überraschungen: Es sieht gut aus – mehr auch nicht. Kein Anti-Aliasing, kein DirectX 11 – Blizzard geht auf Nummer sicher und sorgt dafür, dass der Titel auch auf älteren System einwandfrei läuft. So sieht Starcraft 2 aus wie eine aufpolierte Version des Vorgängers, ohne mit Physik-Spielereien oder ähnlichem zu glänzen. Die Soundkulisse ist wie bei Blizzard üblich aber wieder über jeden Zweifel erhaben – hervorragende Sprecher (besonders in der englischen Originalversion), ein mitreißender Soundtrack, der viele Anspielungen auf den ersten Teil enthält, sowie lockere Sprüche eurer Einheiten auf dem Schlachtfeld sorgen für eine rundum gelungene und zugleich vertraute Atmosphäre.

Fazit:

„Wie erwartet gut“ – dieses Fazit kann man nach einigen Stunden auf dem futuristischen Schlachtfeld ziehen. Die erzählerische Tiefe der Einzelspieler-Kampagne und die Inszenierung sind atmosphärisch und makellos. Zaghafte Neuerungen und eine zeitgemäße Präsentation sorgen für das vertraute Starcraft-Gefühl, das sich auch nach 12 Jahren noch nicht abgenutzt hat. Besonders der Multiplayer wird nicht nur in Korea für viele schlaflose Nächte sorgen, hier hat Blizzard ganze Arbeit geleistet. Den fehlenden Willen zur Revolution kann man nun je nach persönlichem Geschmack als Plus oder Minus werten: Starcraft 2 bleibt in jedem Fall der unaufgeregteste Hit dieses Sommers auf gewohnt hohem Blizzard-Niveau. Simon Weiß

Wertung: 9/10

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