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29. 07. 2007

Testbericht: The Darkness

Die Dunkelheit kommt! Nach einigem Hin und Her und nötigen Schnitten darf nun auch in Deutschland durch die Schatten geschlichen werden. Die Gelegenheit für uns, das Spiel ausgiebig unter die Lupe zu nehmen und durch das düstere New York zu streifen.

Screenshot: The DarknessJackie Estacado ist wirklich nicht zu beneiden. Der junge Mafiosi wird pünktlich an seinem 21. Geburtstag von einer geheimnisvollen Kraft heimgesucht, die sich selbst die „Darkness“ nennt. Plötzlich hört er Stimmen in seinem Kopf, und in der Dunkelheit wachsen ihm zwei Tentakel aus den Schultern. Als wenn das noch nicht reicht, hat es plötzlich sein Ziehvater, Onkel und Familienoberhaupt Paulie auf ihn abgesehen und möchte Jackie am liebsten mit Schuhen aus Beton zum Schwimmen schicken. Zum Glück hat unser Antiheld ja sein düsteres Geburtstagsgeschenk, mit dem er sich seiner Haut mehr als ausreichend erwehren kann. Die Story im neuzeitlichen New York ist sicherlich ein absolutes Highlight und sorgt für durchgehende Spannung und den „was kommt als nächstes?“-Effekt, deshalb sei an dieser nicht zuviel verraten. Besonders spannend sind auch die Ausflüge in eine seltsame Paralleldimension, die an einen David Lynch Film erinnert. Hier geht Jackie der Darkness auf den Grund und erfährt einige Dinge über seine Familie. Leider ist die Geschichte aber auch streckenweise sehr verwirrend und undurchsichtig, viele Geheimnisse werden bis zum pompösen Ende nur sehr unbefriedigend oder gar nicht aufgelöst. Kenner der zahlreichen Comics, auf denen das Spiel basiert, sind eindeutig im Vorteil.

Screenshot: The DarknessAber auch ohne umfassendes Hintergrundwissen kommt man voll auf seine Kosten: Das Gameplay ist nämlich zum Glück ebenso gut gelungen wie der erzählerische Teil. Zu Beginn ist alles wie gehabt. Ohne die Kräfte der Dunkelheit spielt sich „The Darkness“ wie einer von vielen Shootern. Einzige Besonderheit: Steht man direkt vor einem Gegner und drückt die Schusstaste, vollführt Jackie je nach Waffe einen speziellen Finishing-Move. Schnell wird klar: Mit roter Farbe wird hier nicht gegeizt, egal ob man zwei Pistolen, eine MP, Schrotflinte oder anderes Mafia-Werkzeug bevorzugt. Man merkt, dass man es hier mit einem Spiel der Starbreeze Studios zu tun hat, die der Spielergemeinde auch schon die „Chronicles of Riddick“ beschert haben. Insgesamt bewegt sich der kleine Zielpunkt nämlich auch diesmal etwas träger als bei Genre-Kollegen, dafür erhält Jackie in den Gefechten großzügige Zielhilfe. Sehr bald macht sich aber die Darkness in unserem Protagonisten breit und stattet den Spieler mit großzügigen Kräften aus. Befindet man sich im Schatten, kann man auf Knopfdruck die Kräfte der Darkness aktivieren. Die zwei Tentakel tauchen auf Jackies Schultern auf und dienen fortan als Schutzschild. Das ist aber nicht alles: Im Laufe des Spiels erlangt Estacado insgesamt vier unterschiedliche Kräfte. Da wäre zum Beispiel ein eigenständiges Tentakel, das man (leider nur sehr fummelig) aus der Egosicht durch jeden noch so engen Spalt steuern kann, um verschlossene Türen von der anderen Seite zu öffnen oder Gegner unbemerkt zu erledigen. Oder ein Tentakel, mit dem man Lichter ausschlagen oder Gegner aufspießen kann. Die mächtigste Kraft ist aber mit Abstand das schwarze Loch, das jeden Gegner in der Umgebung gnadenlos in den Tod reißt. Die Darkness lässt sich auch noch aufleveln, indem ihr den toten Gegnern die Seelen stehlt. In der normalen Version geschieht dies, indem ihr ihnen mit einem Tentakel das Herz herausreißt, in der stark geschnittenen deutschen Version für die Xbox 360 sammelt Jackie hingegen nur schwarze Punkte aus den leblosen Körpern. Auch auf sämtliches Blut und einige Animationen der Darklings müssen deutsche Xbox 360-Spieler übrigens verzichten, Playstation 3-Besitzer werden hingegen auch in Deutschland mit roter Suppe versorgt. Unverständlich und ärgerlich, denn die Atmosphäre leidet zwangsläufig unter den Schnitten, und die gnadenlose und grausame Darkness verliert an Glaubwürdigkeit.

Screenshot: The DarknessDas einzig Dumme an den Mächten der Finsternis: Im Hellen funktionieren die Superkräfte nicht. Einen Großteil des Spiels ist man daher damit beschäftigt, Straßenlaternen und andere Lichtquellen mit der Pistole auszuschießen, da sich die Darkness ansonsten nach ein paar Zischlauten zurückzieht und uns der Gegnerflut allein überlässt. Dieses rabiate Lichtausknipsen kann streckenweise einfach lästig sein, hier hätten die Entwickler ruhig ein paar Laternen weniger aufhängen können. Ebenfalls sehr lichtanfällig sind die „Darklings“, kleine Helfer, die wir an überall verstreuten Löchern beschwören können. Diese kleinen, goblinartigen Wesen gibt es ebenfalls in vier verschiedenen Ausführungen. Besonders effektiv ist der „Berserker“, der sich automatisch um Gegner im Nahkampf kümmert. Sein Kollege für den Fernkampf ist der „Schütze“, der mit einer Gatling-Gun bewaffnet ist. Später erhält man noch einen Kamikaze-Darkling mit Sprengstoffgürtel und einen „Lichtkiller“, der sich für Jackie um die lästigen Glühbirnen in der näheren Umgebung kümmert. Eins haben aber alle Helfer gemeinsam: Sie sind furchtbar dumm. Der Lichtkiller steht oft seelenruhig unter einer Straßenlaterne und wartet darauf, dass er vom Licht verschmurgelt wird, der Schütze findet scheinbar Mauern und Wände besonders bedrohlich und der Berserker hält sich irgendwo versteckt, während die Gegner scharenweise auf euch schießen. So verkommen die kleinen „Helfer“ zum schmückenden Beiwerk. Schade, hier wurde viel Potential verschenkt. Die sarkastischen Bemerkungen der Darklings sorgen aber dafür, dass man sie zumindest zur eigenen Belustigung des öfteren mal beschwören sollte. Die KI der Gegner bewegt sich hingegen im oberen Mittelfeld, an die cleveren Kollegen aus „F.E.A.R.“ oder „Call of Juarez“ kommen sie aber leider nicht heran. Das übliche „Verstecken und Umzingeln“ beherrschen sie aber tadellos. Durch die mächtigen Kräfte der Darkness kommt das Balancing allerdings heftig ins Wanken und kippt spätestens beim schwarzen Loch endgültig um. Solange man sich im Dunkeln bewegt und die Darkness nutzt, ist man fast unbesiegbar. Erst gegen Ende des Spiels sind die Gegner stärker bewaffnet und treten in Horden auf, bis dahin ist der Titel selbst auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad fast ein Spaziergang. Stellenweise kommt einem „The Darkness“ dadurch eher wie ein interaktiver Film vor (was aber nicht immer etwas Schlechtes bedeuten muss).

Wer die geniale Story nach etwa zehn Stunden abgeschlossen hat, sollte lieber die Finger vom Multiplayer-Modus lassen. Ohne Darkness-Kräfte (natürlich aus Balancing-Gründen) duelliert man sich hier in den üblichen Deathmatch-Varianten. Zwar kann man sich hier auch mal in einen Darkling verwandeln und seinen Widersachern die Augen auskratzen, dennoch wirkt der Online-Modus einfach aufgesetzt und im Vergleich zum hochkarätigen Rest einfach billig. Zudem werden die Matches von heftigen Lags geplagt, sodass selbst Partien mit einer eigentlich guten Verbindung einfach keinen Spaß machen. Die Entwickler haben hierzu zwar schon einen Patch angekündigt, zum Multiplayer-Hit wird „The Darkness aber wohl trotzdem nicht werden.

Ebenfalls großes Lob verdient die technische Umsetzung, die viel zur Atmosphäre beiträgt. Die Grafik ist schön anzusehen, die Lichteffekte und Spiegelungen sind hier als Highlight zu nennen. Kein Einwohner New Yorks gleicht dem anderen, alle haben individuelle Gesichtszüge, eine eigene Gestik und Stimme. Die englischen Sprecher leisten ganze Arbeit und hauchen jedem einzelnen Charakter Leben ein. Besonders beeindruckend ist die wahnsinnige Stimme der Darkness, die von keinem geringeren als Mike Patton gesprochen wird. Was der ehemalige Sänger von „Faith No More“ hier mit seinen Stimmbändern anstellt, ist geradezu unheimlich. Zusammen mit der stimmungsvollen Musik und dem Spiel mit Licht und Schatten entsteht so eine dichte Atmosphäre, wie sie nur selten in Spielen zu finden ist.

Fazit

Trotz einiger Designschnitzer wie zum Beispiel den dummen Darklings oder dem zwanghaften Schießen auf Glühbirnen liefern die Starbreeze Studios hier wieder einen atmosphärischen Brocken ab, den man einfach am Stück durchspielen muss. Die spannende Story um Jackie Estacado hält bei Laune, die Identifikation mit dem Antihelden und Protagonisten ist bestens gelungen. Wer Shooter mit Hirn mag und strahlende Helden satt hat, wird diesen Sommer nur schwer ein besseres Spiel in den Händlerregalen finden. Mindestens bis zum Erscheinen von „Bioshock“ gibt es für Konsolenspieler aktuell kaum ernsthafte Alternativen. Simon Weiß

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