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22. 10. 2009

Testbericht: Uncharted 2 - Among Thieves

Indiana Jones ist bereits ganz schön in die Jahre gekommen, selbst Lara Croft hat ihren jugendlichen Charme fast gänzlich eingebüßt. Deshalb schickte Sony 2007 mit Uncharted ein neues Franchise in den Kampf um die Abenteuer-Krone, zu Recht mit großem Erfolg und von der Presse gefeiert. Doch kann der Nachfolger die Serie weiter voranbringen und genau so begeistern wie vor zwei Jahren? Oder hat Held Drake wie seine Kollegen bereits Staub angesetzt?



„Oh ja, das ist mein Blut. Und zwar eine ganze Menge davon.“ Bereits der Einstieg in Uncharted 2 ist dramatisch: Held Drake erwacht blutüberströmt aus tiefer Bewusstlosigkeit. Wo ist er? Er schaut aus dem Fenster eines Eisenbahnwaggons und erinnert sich. Der Zug! Dumm nur, dass sein Waggon nicht mehr auf einer Schiene fährt, sondern mitten in einem Schneesturm von einer schwindelerregend hohen Klippe hängt. Die knarzenden Geräusche verheißen nichts Gutes, also klettert unser Held trotz schwerer Verletzungen um sein Leben, um wieder festen Boden unter seine wackeligen Füße zu bekommen.

Drakes Begleiterin Chloe gehört zu den mysteriösesten CharakterenAber wie ist er in diese Situation geraten? Wie so oft hatte alles so friedlich und harmlos angefangen. Der Protagonist erinnert sich, das Spiel spult zurück. Während Drake die Sonne und den Meerblick in seiner kleinen Strandhütte genießt, kommt ihn sein alter Freund Harry Flynn besuchen, der in Begleitung seiner Freundin ist, einer schwarzhaarigen Schönheit namens Chloe. Das Schatzjägerpärchen hat von einem geheimnisvollen Unbekannten den Auftrag erhalten, etwas aus einem Museum in Istanbul zu stehlen: Eine alte Öllampe, die einst im Besitz von Marco Polo war. Auf den ersten Blick wertlos, entschlüsseln die drei schnell das Geheimnis der mysteriösen Lampe: In Wirklichkeit weist sie den Weg nach Shangri-La, jenen sagenumwobenen Ort in Tibet, der nach alten Überlieferungen wertvolle Artefakte und mystische Kräfte birgt. Und plötzlich steckt in dem vermeintlich alltäglichen Auftrag viel mehr, und auch Drake, der sich eigentlich schon zur Ruhe gesetzt hat, kann seinem Entdeckerdrang nicht widerstehen.

Die Story ist der eigentliche Star von Uncharted 2: Das Spiel fühlt sich an wie ein guter Abenteuerfilm zum Anfassen. In zahlreichen Zwischensequenzen kann man beobachten, wie sich die Beziehungen der Charaktere untereinander weiterentwickeln und viele, unvorhergesehene Wendungen den Ausgang des Abenteuers bis zum Schluss offen lassen. Beeindruckend ist dabei besonders die lebensnahe Animation der Charaktere: Jeder Gesichtszug wurde so liebevoll animiert, dass selbst Gefühle wie Hohn, Unsicherheit und Misstrauen deutlich zu sehen sind. Dadurch fällt die Identifikation mit dem Protagonisten noch intensiver aus als im Vorgänger, der bereits damals auf eine dichte Atmosphäre und ausgereifte Charaktere wert gelegt hatte. Auch einige Charaktere aus dem ersten Teil sind übrigens wieder mit von der Partie: Fans der ersten Stunde fühlen sich deshalb so, als wären sie nie weg gewesen.

Die Kletterpartien sind spaßig, aber nicht sehr forderndApropos Vorgänger: Die Entwickler von Naughty Dog sind mit ihrem neuesten Werk kein Risiko eingegangen. Von Anfang an fühlt sich Uncharted 2 wie der erste Serienteil an. Das liegt besonders am nahezu unveränderten Gameplay: Immer noch mutet Drakes Abenteuer wie eine Mischung aus Tomb Raider und einem modernen Third Person-Shooter an. In schöner Gleichmäßigkeit wechseln sich daher recht simple Kletterpassagen mit teils unsagbar schweren Schießereien ab. Selbst auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad werden letztere garantiert auch gestandenen Spielern nicht nur einmal die Zornesröte ins Gesicht treiben. Besonders ärgerlich: Das frustrierende Deckungssystem. Auf Knopfdruck soll Drake entweder in Deckung gleiten oder durch einen Hechtsprung feindlichem Beschuss entkommen. Immer wieder passiert es jedoch leider, dass ihr statt in die schützende Deckung in einen gähnenden Abgrund rollt und vom letzten Checkpoint starten dürft.

Hier liegt auch eine der wenigen Schwächen des Titels: Wie im ersten Teil macht es den Anschein, als hätten sich die Entwickler nicht zwischen Casual- und Hardcore-Spielern als Zielgruppe entscheiden können. Denn während die Geschicklichkeits- und Rätseleinlagen eher wie ein „Tomb Raider light“ anmuten und Fans von Lara Croft vor keine ernste Herausforderung stellen dürften, verlangen die Action-Passagen dermaßen viel Pad-Akrobatik, dass diese den durchschnittlichen Fan seichter Videospielunterhaltung im ersten Anlauf heillos überfordern werden. Schade, dass Naughty Dog diese Schwächen im Balancing im zweiten Teil nicht behoben hat und nicht versucht hat, den Anspruch beider Spielelemente in der Mitte anzunähern.

In Nahkämpfen müsst ihr schnell reagierenDoch all diese Schwächen verzeiht man Uncharted 2 schnell, denn die bombastische Präsentation und das abwechslungsreiche Spieldesign lassen einen aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Das Spiel ist so temporeich inszeniert und lückenlos spannend, dass man das Pad bis zum Abspann nicht aus der Hand legen will. Immer wieder sorgen abwechslungsreiche Passagen für schweißnasse Hände: Beispielsweise dann, wenn Drake sich durch ein tibetanisches Dorf kämpft und dabei von einer Deckung zur nächsten hechtet, um dem Beschuss eines feindlichen Panzers zu entgehen. Oder er beim Einbruch in ein türkisches Museum vor alarmierten Wachen flieht und ihr als Spieler für jede Entscheidung nur Bruchteile einer Sekunde zugestanden bekommt. Die oben genannten Kritikpunkte werden so zu kleinen Ärgernissen, die dem Spielspaß aber nicht ernsthaft etwas anhaben können.

Ebenfalls eine Erwähnung wert: Obwohl die Story von Uncharted 2 vollkommen fiktiv ist, so sind doch einige Anspielungen auf historische Fakten rund um Tibet und Shangri-La vorhanden, die Kennern der Materie immer wieder ein Schmunzeln entlocken. So trifft Drake während seiner Expedition beispielsweise auf einen gewissen „Ernst Schäfer“ und entdeckt in einer Höhle Aufzeichnungen der Organisation „Ahnenerbe“: Die Suche nach diesen Begriffen bei Wikipedia fördert hier Erstaunliches zutage. Doch untermauern diese Anspielungen nicht nur das authentische Flair des Spiels, sie wirken auch wie eine Hommage an Indiana Jones: Schließlich haben die Nationalsozialisten in den Abenteuern des Archäologen mit dem Schlapphut immer eine wichtige Rolle gespielt.

Gegen gut geschützte Gegner helfen nur GranatenUm das Gesamtpaket abzurunden, haben die Entwickler von Naughty Dog Uncharted 2 einen umfangreichen Multiplayer-Part spendiert. Hier steht die Action im Vordergrund, das Klettern ist hier nur Mittel zum Zweck. In zahlreichen verschiedenen Spielmodi könnt ihr gegen andere Spieler antreten oder einzelne Abschnitte des Hauptspiels kooperativ zu dritt bestreiten. Bei den kompetitiven Modi findet ihr überwiegend gewohnte Kost: King of the Hill, Deathmatch, Capture the Flag… Es ist für neue Spiele heutzutage schwer etwas zu bieten, was die Spieler nicht schon irgendwo anders gesehen haben. Dennoch kann auch der Mehrspielermodus länger motivieren, denn ein Rangsystem und die Möglichkeit, mit verdientem Geld sein Alter Ego aufzurüsten, fördern den „Jäger und Sammler“-Trieb. Auch die technische Umsetzung ist gelungen, das Matchmaking-System funktioniert hervorragend und Lags oder leere Server sind so gut wie nicht auszumachen.

Wie bereits erwähnt ist Uncharted 2 besonders in technischer Hinsicht ein absoluter Vorzeigetitel: Butterweiche Animationen, gestochen scharfe und detailreiche Texturen gepaart mit schönen Effekten wie Tiefenunschärfe, Licht- und Schattenspielereien sowie eine unglaubliche Weitsicht sorgen ab der ersten Minute für ungläubiges Staunen. Die gekonnte Inszenierung sorgt zusätzlich dafür, dass man tatsächlich des Öfteren vergisst, dass Uncharted 2 ein Spiel ist und kein Spielfilm – ein Prädikat, mit dem sich nicht viele Titel schmücken können.

Fazit:

Uncharted 2 ist die logische Fortsetzung des Vorgängers. Mehr Bombast, mehr und feiner ausgearbeitete Charaktere, ein paar neue Waffen und nicht zuletzt eine nochmals deutlich aufpolierte Präsentation: Naughty Dog ist kein Risiko eingegangen und liefert ein erstklassiges Action-Spiel ab, dass seinen Serienvorgänger in fast allen Punkten noch mal übertrifft. Auch wenn es die Schwächen des ersten Teils - wie das unausgegorene Balancing und eine oft hakelige Steuerung - ebenfalls in den Nachfolger geschafft haben, so ist Uncharted 2 doch einer der Titel, die jeder Besitzer einer Playstation 3 im Regal haben sollte. Denn obwohl Drake mehr oder weniger auf der Stelle tritt, ist er den meisten seiner Genre-Kollegen doch in vielerlei Hinsicht immer noch einige Schritte voraus. Simon Weiß

Wertung: 9/10

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