Videospielkultur.de - Das Magazin für Videospielkultur

Das Magazin für Videospielkultur

Videospielkultur.de » Artikel

31. 12. 2019

Open Source Tipp: Open TTD

Manchmal kommt es vor, dass das Open Source Remake eines Spiels umfangreicher ausfällt als das eigentliche Vorbild und dieses in vielen Belangen übertrumpft. Open TTD ist das beste Beispiel für einen solchen Fall, denn das Spiel, das ursprünglich als Remake der Wirtschafts-Simulation Transport Tycoon Deluxe (TTD) aufgelegt wurde, hat sich mittlerweile komplett als eigenständiges Spiel etabliert. Sogar Spiel-Elemente, die im Ursprungsspiel nicht enthalten waren, finden sich in der Open Source Umsetzung.

Dieses Kraftwerk kauft Kohle auf, die an dem LKW-Terminal angeliefert werden kann.Wie man es von einem Remake erwartet, hat sich das Spielkonzept sowie die grundlegende Spielmechanik nur geringfügig gegenüber dem Original geändert. Anders als beim vom Namen her ähnlichen Railroad Tycoon standen beim 1994 erschienenen Transport Tycoon Deluxe von Chris Sawyer nicht allein Eisenbahnen als Transport- und Verkehrsmittel zur Verfügung, sondern auch Busse, Schiffe und Flugzeuge. Dementsprechend steht Spielern auch in Open TTD ein umfangreiches Sortiment an Flug- und Fahrzeugen zur Verfügung.

Ziel des Spiels ist zunächst einmal, die Insolvenz des eigenen Unternehmens zu verhindern und im Idealfall einen Gewinn zu erwirtschaften, um das eigene Vermögen zu vergrößern. Was genau zur Erreichung dieses Ziels getan werden muss, hängt von den gewählten Einstellungen der jeweiligen Spielrunde ab. Spielt man gegen menschliche oder computergesteuerte Gegenspieler, gestaltet sich der Konkurrenzkampf anders, als wenn man sich alleine auf einer Karte befindet. Daneben gibt es noch viele weitere Optionen, die den Spielverlauf beeinflussen. Beispielsweise lässt sich einstellen, ob der Bau von Städten oder Fabriken, die Rohstoffe verarbeiten, erlaubt ist oder ob die Stadtverwaltung bestochen werden kann.

Über wichtige Ereignisse des Spiels wird ähnlich wie in Sim City in der Zeitung berichtetTrotz der unzähligen Detail-Einstellungen, an denen geschraubt werden kann, geht es bei Open Transport Tycoon Deluxe am Ende fast immer um Gewinnerzielung durch den Transport von Personen oder Waren. Auch wenn das Spiel ein komplexes Wirtschaftssystem besitzt, bei dem sogar Inflation und Zinsen eine Rolle spielen, geht es die meiste Zeit doch um mehr oder weniger triviale Warenketten: Personen oder Postsendungen werden zwischen verschiedenen Orten befördert, Kohle aus Kohleminen in Kraftwerke und Holz aus Wäldern zum Sägewerk. Ob man den Fokus auf einen dieser Aspekte setzt oder mehreren der aufgezählten Transporttätigkeiten nachgeht ist prinzipiell frei wählbar, oft aber auch durch die Gegebenheiten der jeweiligen Landkarte vorgegeben. Am Ende sollte jeder Transportweg für sich Gewinn abwerfen (oder zumindest jeder Verbund zusammenhängender Transportwege). Zur Überwachung dieses Ziels stehen jede Menge Analyse-Möglichkeiten zur Verfügung: Neben Diagrammen und Statistiken dürfen auch separate Fenster, mit denen sich bestimmte Fahrzeuge beobachten und deren Verkehrswege optimieren lassen, nicht fehlen.

Für das Anlegen von Transportwegen sollten Neulinge etwas Zeit einplanen. Hat man die Menüführung einmal verstanden, stellt sich das Ganze aber relativ unkompliziert dar. Bei der Planung der Strecken sollte man auch die Wartung berücksichtigen und entsprechende Depots platzieren. Andernfalls kann es zu bösen Überraschungen und entsprechenden Betriebsunterbrechungen kommen. Auch mit ausreichender Wartung ist man vor Problemen bis hin zu Katastrophen wie beispielsweise Flugzeugabstürzen allerdings nicht ganz gefeit.

Dieses Flugzeug wird mittels eines separaten Fensters überwachtDie Spielzeit, die man mit Open TTD verbringen kann, sollte man anstatt in Stunden eher in Jahren bemessen. Während jede Karte für sich schon Spielspaß für einige Stunden bieten kann, wird dieses Spielerlebnis durch den Kartengenerator und die vielen optional erhältlichen Szenarien bedeutend erweitert, zumal die Karten wesentlich größer als bei Transport Tycoon Deluxe ausfallen können. Wer noch mehr möchte, dem steht innerhalb des Spiels ein Karten- und Szenario-Editor zur Verfügung, um eigene Szenarien zu entwickeln.

Eine weitere wesentliche Neuerung gegenüber dem ursprünglichen Vorbild ist der Mehrspieler-Modus. In diesem können sich bis zu 255 (!) Spieler gleichzeitig auf einer Karte tummeln. Einen „Jeder gegen Jeder“-Modus gibt es in diesem Fall allerdings nicht, denn es können maximal 15 Unternehmen auf einer Karte aktiv sein. In Spielrunden mit mehr als 15 Spielern muss man die Führung eines Unternehmens demnach auf mehrere Schultern verteilen, sofern sich manche Spieler nicht nur ausschließlich als Zuschauer auf einen Server einloggen.

Während man ursprünglich noch das Original-Spiel für das Laden der Sounds und Grafiken benötigte, gibt es seit einiger Zeit auch hierfür Pakete mit frei zur Verfügung stehenden Inhalten, so dass sich Open TTD komplett ohne Vorhandensein der kommerziellen Vorlage installieren und spielen lässt. Die standardmäßig enthaltenen Grafik- und Musik-Pakete orientieren sich dabei naturgemäß stark am ursprünglichen Transport Tycoon Deluxe. Entsprechend ist Open TTD dann auch kein grafisches Highlight, kann aber mit zahlreichen Details glänzen. Zudem gibt es mittlerweile einige weitere Grafik-Pakete, die eine verbesserte Optik versprechen.

Auch mit dem Personennahverkehr mittels Bussen lässt sich in Open TTD gutes Geld verdienen.Auch wenn die erste Version der Open Source Portierung bereits im Jahr 2004 erschien und 2010 mit der Version 1.0 das erste Major-Release folgte, wird im Hintergrund immer noch sehr aktiv an der Spielmechanik und Technik des Spiels geschraubt. Ein Teil der aktuellen Entwicklungsarbeit dreht sich dabei um sogenannte NewGRF-Erweiterungen, bei der oftmals neue Objekte wie beispielsweise Fahrzeuge zur Verfügung gestellt werden, die dann auch angepasste Grafiken beinhalten. Aber auch Kernbestandteile des Spiels wie die Warenverteilung zwischen verschiedenen Standorten werden immer wieder weiterentwickelt. Nicht nur was die Entwickler-Aktivität angeht, sondern auch in Bezug auf die aktive Fangemeinde sollte man Open TTD noch lange nicht in den Ruhestand schicken: Auch im Jahr 2019 befinden sich noch zahlreiche Spieler auf den Servern, die in der Mehrspieler-Lobby des Spiels aufgelistet werden.

Fazit

Freunde von Transport-Simulationen kommen an Open TTD ohnehin nicht vorbei. Aber auch wer sich nicht hierzu zählt, muss nicht gleich abwinken: Wer gefallen an Strategie- oder Wirtschafts-Simulationen findet, sollte auf jeden Fall einen Blick riskieren, selbst wenn man mit dem als Vorlage dienenden Transport Tycoon Deluxe (noch) nichts anfangen kann: Hat man sich mit der grundlegenden Menüführung arrangiert und die ersten Transportketten erstellt, setzt schnell der Suchtfaktor ein. Auch wenn die Grafik mittlerweile eher guter Durchschnitt ist, kann das Spielprinzip nach wie vor für viele Stunden begeistern. Die immer noch aktive Entwickler-Community sowie der Mehrspieler-Modus mitsamt einer aktiven Fangemeinde von Spielern sorgen dafür, dass Open TTD auch auf lange Sicht nicht langweilig wird. Mario Siewert

Kommentare

Kommentar verfassen:

Dein Name:   

Sicherheitscode:  


Bisherige Kommentare: