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19. 05. 2008

Testbericht: GTA IV

Kaum ein Titel wurde in der letzten Zeit so sehr gehyped wie GTA IV. Keine Plakatwand war sicher vor Niko Bellic, dem grimmigen Protagonisten des Spiels. Regelmäßige Spieler witterten heiße Luft und winkten schon im Vorfeld ab. Zu Unrecht, denn GTA IV ist weit mehr als nur ein neuer Teil der Serie. Und schon gar nicht nur eine weitere Luftblase am überfüllten Spielehimmel.

Screenshot: GTA IVNiko Bellic ist bereits viel herumgekommen. Als junger Mann musste der Serbe den harten Militärdienst ableisten, was ihn sichtlich geprägt hat. Zusätzlich hat er auch noch unter den Schikanen der örtlichen Mafia zu leiden, bis Niko schließlich bis zum Hals im Sumpf es Verbrechens steckt. Nach ein paar Jahren bei der Handelsmarine folgt er schließlich dem Ruf seines Cousins Roman, der in Liberty City angeblich sein Glück gemacht hat. Also geht Niko eines Nachts zum letzten Mal von Bord eines Frachters, um zusammen mit Roman endlich die süßen Früchte des Lebens zu genießen. Hier will er einen Neuanfang wagen, hier sind die Dinge anders. Hofft er zumindest. Schnell löst sich jedoch der amerikanische Traum für Niko in Wohlgefallen auf: Sein Cousin ist ein Schwätzer. Die „Villa“, von der er immer so geschwärmt hat, ist eine heruntergekommene Bruchbude in einer fragwürdigen Gegend, sein „Sportwagen“ entpuppt sich als ein überstrapaziertes, verrostetes Taxi. Zu allem Überfluss steht Roman auch noch bei zahlreichen Kredithaien in der Kreide. Um seinem Cousin die Haut zu retten, übernimmt Niko schließlich ein paar Botengänge für die Geldgeber. Dabei bleibt es jedoch nicht: Niko gerät schnell zwischen die Fronten mehrerer Parteien. Und wird zurück in die Welt gezogen, der er in Europa so verzweifelt zu entfliehen versucht hat.

Screenshot: GTA IVKenner der Serie haben es vielleicht gemerkt: Der Protagonist hat diesmal deutlich mehr Charakter, als man es von der Reihe gewohnt ist. Statt eines gesichtslosen Verbrechers ohne Gewissen steuert ihr diesmal einen von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen geplagten Mann, der in seinem Leben bisher nur wenig Glück hatte. Was nicht heißen soll, dass Niko Bellic ein Weichei ist: Seine gewalttätige Vergangenheit holt in oft ein. Trotzdem hat Niko ein Gewissen, er stellt Befehle in Frage und führt sie nur aus, wenn er selbst von ihnen überzeugt ist. Viele moralische Entscheidungen liegen außerdem in eurer Hand: So müsst ihr zum Beispiel entscheiden, ob ihr einen kleinen Handlanger tatsächlich wie gefordert tötet, oder ob ihr sein Leben verschont. Viele Entscheidungen können Konsequenzen haben, die ihr meist erst viel später im Spiel zu spüren bekommt, sowohl positiv als auch negativ.

Screenshot: GTA IVGenerell ist das Gameplay aber gleich geblieben: Auch GTA IV gibt dem Spieler alle Freiheiten in einer offenen Spielwelt. Ihr bewegt euch fast ohne Grenzen in Liberty City und könnt an bestimmten Orten Aufträge entgegennehmen. Wer keine Lust auf Missionen hat, erkundet einfach die Stadt. Damit ihr schneller vorankommt, dürft ihr das nächstbeste Auto entwenden oder die Stadt auf die ehrliche Art per U-Bahn oder Taxi erkunden. Im Laufe des Spiels lernt ihr immer neue Leute kennen, die euch ebenfalls Aufträge geben und weitere Stadtteile zugänglich machen. Aber das Leben besteht schließlich nicht nur aus Arbeit: Diesmal gilt es ebenso, seine sozialen Kontakte zu pflegen. So solltet ihr regelmäßig mit eurem Cousin einen trinken gehen, damit er euch nicht irgendwann beleidigt links liegen lässt. Im Laufe des Spiels macht ihr euch zahlreiche Freunde, die ihr mit solchen kleinen Gesten bei Laune halten solltet. Mögen sie euch genug, winken nämlich kleine Gefälligkeiten, die euch das Leben in Liberty City erheblich erleichtern können. So bekommt ihr beispielsweise die Möglichkeit, große Distanzen per Hubschrauber zurückzulegen, ein anderer Bekannter beschafft euch günstig neue Waffen, wenn er euch genug mag. Auch das schöne Geschlecht ist vor Niko nicht sicher: Die Damenwelt freut sich ebenfalls, wenn ihr sie regelmäßig ausführt. Die Möglichkeiten sind dabei stets enorm: Ihr könnt nicht nur Restaurants und Bars aufsuchen, sondern euch auch Kabarett- oder Stripshows ansehen. Auch Minispiele wie Billiard, Dart oder Bowling sind vorhanden. Jeder eurer Freunde hat andere Vorlieben, auf die ihr Rücksicht nehmen solltet, wenn ihr euch schnell beliebt machen wollt.

Screenshot: GTA IVZentraler Gegenstand in eurem virtuellen Leben ist euer Handy: Hier bekommt ihr Anrufe und SMS und könnt eure Kontakte jederzeit anrufen. Euer Telefonbuch füllt sich rasant, sodass das Telefon bald immer häufiger in Gebrauch ist. Auch habt ihr bald ein eigenes Email-Konto, das ihr regelmäßig checken solltet. Hier warten meist zusätzliche Aufträge, die euer Konto füllen. Schon bald fühlt ihr euch wie im richtigen Leben: Euer Handy steht kaum noch still, euer Email-Postfach quillt fast über, ein Ingame-Tag ist viel zu kurz. Obwohl die sozialen Verpflichtungen und das Handy zunächst nach viel Stress klingen, wird das virtuelle Alltagsleben dennoch nicht lästig: Im Gegensatz zu den Fitness-Minispielen eines GTA: San Andreas wurden hier alle Komponenten perfekt ins Gameplay eingebunden und sorgen für eine absolut dichte Atmosphäre. Besonders die Liebe zum Detail ist einfach unglaublich: Ihr bekommt Spam-Mails, könnt in einem simulierten Internet surfen und euch dort sogar bei Partnerbörsen anmelden, um euch mit anderen Mitgliedern im Spiel zu treffen. Kurz bevor euer Handy klingelt, hört ihr die typischen Störgeräusche aus euren Autoboxen. Fahrt ihr über eine Brücke, müsst ihr Maut zahlen, ansonsten habt ihr blitzschnell die Polizei am Hals. Das Leben um euch herum scheint ständig zu pulsieren: Taschendiebe werden von Polizisten verfolgt, nachts gibt es Schlägereien zwischen Betrunkenen, Leute telefonieren, bauen Unfälle, kaufen Zigaretten und Zeitungen, streiten auf offener Straße. So habt ihr als Spieler immer das Gefühl, euch in einer lebendigen Stadt zu bewegen: Kaum ein Spiel hat jemals ein so perfektes „Mittendrin“-Gefühl vermittelt.

Screenshot: GTA IVGenerell haben die Entwickler das Spielprinzip konsequent weiterentwickelt. Alle Schwächen von San Andreas wurden beseitigt, sinnvolle Neuerungen hinzugefügt. Die Missionen wirken nun wesentlich abwechslungsreicher und fordernder: So erhaltet ihr zum Beispiel den Auftrag, in einem belebten Park ein Lösegeld zu überreichen. Natürlich hat das Opfer nicht vor, dem Erpresser tatsächlich das Geld zu überlassen: Während ihr mit dem Entführer telefoniert, müsst ihr nun durch den Park wandern und herausfinden, wer von den zahlreichen Personen der Erpresser ist. Wer hat ein Handy am Ohr? Was sagt er? Dieses spannende Katz und Maus-Spiel ist nur ein Beispiel für Missionen fernab der üblichen Schießereien. Auch an der Steuerung wurde seit San Andreas stark gefeilt. Besonders angenehm fällt die überarbeitete Steuerung zu Fuß auf: Bei Schießereien kann Niko nun hinter Mauern in Deckung gehen, die automatische Zielerfassung funktioniert außerdem wesentlich besser als in den Vorgängern. Trotz der vielen Elemente haben es die Entwickler zudem geschafft, dass die Steuerung nicht überladen wirkt. Das einzige, was auf Anhieb nach wie vor negativ auffällt, ist die schwammige Steuerung der Fahrzeuge: Alle Vehikel verhalten sich zwar physikalisch korrekt und lassen sich voneinander gut unterscheiden, jedoch hätte hier ein bisschen weniger Realismus sicher nicht geschadet. Gerade bei schnellen Verfolgungsjagden stört die empfindliche Steuerung enorm. Außerdem hängt die Kamera in der Außenansicht immer ein Stück zu tief, sodass die Übersicht manchmal flöten geht. Ebenfalls neu ist der Umgang mit der Polizei. Diese sucht euch, je nach Fahndungslevel, in einem bestimmten Radius. Schafft ihr es, diesen Radius unbemerkt zu verlassen, gibt die Polizei die Suche schließlich auf. So müsst ihr nicht mehr wie früher ab einem bestimmten Fahndungslevel euren Wagen umspritzen lassen, sondern habt eine gute Chance, auch durch eine gekonnte Flucht dem Arm des Gesetzes zu entgehen. Premiere feiert diesmal übrigens auch der Online-Multiplayer, bei dem die Rockstar-Jungs direkt richtig geklotzt haben: Ganze 14 verschiedene Modi für bis zu 16 Spieler haben die Entwickler integriert. Neben den typischen Deathmatch-Varianten gibt es auch zahlreiche missionsbasierte Modi sowie Autorennen zu bestreiten. Wem der eh schon gigantische Umfang des Einzelspielermodus nicht reicht, den erwartet hier sicherlich eine Spielwiese für viele Wochen.

Screenshot: GTA IVDie Liebe zum Detail spiegelt sich auch in der Präsentation wieder: Die liebevoll gestalteten Stadtteile wurden dem Vorbild New York perfekt nachempfunden. Der Time Square erstrahlt in den hellen Leuchtreklamen, Brooklyn ist geprägt von der grauen Tristesse einer typischen Arbeitersiedlung. Zwischendurch hat GTA IV allerdings mit den typischen Problemen eines „Sandbox“-Spiels zu kämpfen: Sichtbares Texturstreaming, gelegentliche Popups oder Soundaussetzer sind merklich vorhanden. Allerdings: Spätestens, wenn man aus dem Fenster eines Hubschraubers schaut und die atemberaubende Weitsicht genießt, hat man diese kleinen Schönheitsfehler wieder vergessen. Generell sieht GTA IV „härter“ und realistischer aus als seine Vorgänger. Die Straßen sind mit Teerflicken übersät, die Farbgebung wirkt eher nüchtern. Insgesamt wirkt der Titel dadurch deutlich glaubhafter als seine direkten Vorgänger. Beim Sound hat sich Rockstar wieder die gewohnte Mühe gegeben: Unzählige Radiosender spielen nonstop lizenzierte Musik für jeden Geschmack. Die satirischen Werbeeinblendungen sind zum Schreien komisch, wenn man mit der englischen Sprache zurechtkommt. Neu: Diesmal kann man in seinem Appartement auch verschiedene Fernsehsender anschauen, die nicht weniger kreativ ausgefallen sind. Die genialen englischen Synchronsprecher lassen manchen Hollywood-Schauspieler blass aussehen, die deutschen Untertitel geben das Geschehen passend wieder.

Fazit

Keine Frage: GTA IV wird dem Hype nicht gerecht. Es ist noch viel besser! Auch ich hatte zunächst meine Zweifel, ob der Titel die hohen Erwartungen erfüllt. Viele Stunden später bin ich sicher: Alle anderen Veröffentlichungen werden es dieses Jahr verdammt schwer haben. GTA IV ist ein echtes Stück Kunst, ein satirisches Theaterstück über den amerikanischen Traum. Ganz nebenbei ist es auch noch ein spielerisches Glanzstück, das mit seiner perfekten Spielbarkeit und einem unglaublichen Umfang begeistern kann. Die kleinen technischen Mängel sind absolute Nebensache, ebenso wie die gewöhnungsbedürftige Steuerung der Autos. Eins ist sicher: Wer GTA IV nicht spielt, verpasst das bislang beste Spiel der „Next Gen“. Nahe an der Perfektion. Simon Weiß

Wertung: 10/10

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