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16. 02. 2007

Testbericht: Lost Planet - Extreme Condition

Der deutsche Winter war ihnen diesmal viel zu warm? Sie haben sich wieder darüber geärgert, dass die vergeblich auf weiße Weihnachten gewartet haben? Wie wäre es dann zur Abwechslung mal mit Urlaub auf einem Eisplaneten? Rein virtuell natürlich, eine Xbox 360 vorausgesetzt.

Screenshot: Lost Planet: Extreme ConditionWährend sich die Bevölkerung hierzulande darüber ärgert, Mitte Januar schon im T-Shirt draußen herumzulaufen, klingt das für die Bewohner des Planeten E.D.N. III nach wahrhaft paradiesischen Zuständen. Nachdem die Menschheit ihren blauen Heimatplaneten in heftigen Kriegen zu Klump geschossen hat, macht man sich ins Weltall auf, um neue Planeten zu besiedeln. Aus ungeklärten Gründen hat es ausgerechnet der lebensfeindliche Eisplanet den Menschen angetan, und so werden dort erstmal die Zelte aufgeschlagen. Dank einer speziellen Thermalenergie ist es den Bewohnern möglich, ihr altes Leben wenigstens halbwegs weiterzuführen. Doch der Krieg verfolgt die Menschheit: Eine insektenartige Alienrasse, auf den Namen „Akriden“ getauft, fällt plötzlich über die Siedler her und führt einen erbarmungslosen Vernichtungskrieg. Zunächst stoßen sie noch auf heftige Gegenwehr, doch schon bald verlassen die Menschen fluchtartig ihre neue Heimat, um sich friedfertigere Nachbarn zu suchen.

Screenshot: Lost Planet: Extreme ConditionEiner der menschlichen Soldaten in diesem aussichtslosen Krieg war der Hauptdarsteller Wayne Holden. Bei einem Kampf gegen ein besonders fieses Monster namens „Green Eye“ verlor dieser seinen Vater, er selbst konnte schwer verletzt überleben und wurde im Schnee eingefroren. Nach einiger Zeit wird er jedoch von einer kleinen Gruppe Überlebender gefunden und ins Leben zurückgeholt: Das einzige, woran sich Wayne noch erinnert, sind sein Vater und „Green Eye“. Nach dieser Vorgeschichte, die als Tutorial angelegt ist, beginnt die eigentliche Story des Spiels. Natürlich schlüpfen sie in die Haut des Helden und ziehen in einen Rachefeldzug gegen „Green Eye“ und seine Brut. Allerdings bekommen sie es nicht nur mit fiesen Aliens zu tun, sondern auch mit menschlichen Gegnern, den Schneepiraten. Überall finden sich diese kleinen Gruppen aus Zurückgelassenen, die die chaotische Situation auf dem „Lost Planet“ für sich ausnutzen wollen. So spannend die Geschichte zu Beginn noch klingt, so banal wird sie weitererzählt: In zahlreichen Zwischensequenzen kommt der Held seinem Ziel Schritt für Schritt näher, jedoch ist die erzählerische emotionale Kälte dabei auf einem ähnlichen Tiefpunkt wie die Außentemperatur des Eisplaneten. So dienen die Storyschnipsel bald nur noch als Flickenteppich, um Wayne von einem Gefecht ins nächste zu schicken. Und das, obwohl Capcom für das Design des Protagonisten sogar einen bekannten japanischen Schauspieler gewinnen konnte. Schade, hier wäre sicherlich mehr drin gewesen!

Screenshot: Lost Planet: Extreme ConditionWas die Story nicht schafft, wird durch das Gamedesign und die grandiose Technik aber mehr als wettgemacht: Unser Held stapft durch knietiefen Schnee, während wir ihm in der Third-Person-Ansicht über die Schulter schauen und den Akriden und Schneepiraten mit ordentlich Wumms Feuer unterm Allerwertesten machen. So räuchern wir nach und nach Akriden-Nester aus, erobern Stützpunkte der Piraten, erkunden die Gegend und sammeln wichtige Daten. Bei all dem Stress dürfen wir jedoch nie vergessen, unseren Vorrat an Thermalenergie im Auge zu behalten: Geht dieser nämlich zur Neige, droht die Verwandlung in einen Eisklotz und es geht zurück zum letzten Checkpoint. Zum Glück lassen erledigte Gegner die wertvolle Energie fallen, sodass man eigentlich immer genug davon zur Verfügung hat. Irgendwie hat man zu Beginn das Gefühl, man hätte man auf dieses Feature auch verzichten können, aber spätestens auf höheren Schwierigkeitsgraden sorgt die Thermalenergie für eine gehörige Portion zusätzlichen Druck.

Screenshot: Lost Planet: Extreme ConditionAuf dem Streifzug durch den Schnee bedient sich Wayne meist der aus anderen Shootern bekannten Waffen wie Maschinengewehren, Schrotflinten und Granaten, allerdings stehen ihm noch weitere Hilfsmittel zur Verfügung: So lassen sich höher gelegene Plattformen z.B. mit einem Enterhaken erreichen. Besonders praktisch: Bei großen Gegnermassen kann unser Held einen der herumstehenden „Vital Suits“ benutzen. Die meisten Spieler werden diese Gerätschaften als „Mechs“ kennen, jedoch sind diese bei Lost Planet kleiner und wendiger ausgefallen. Die Steuerung geht zum Glück ebenso unkompliziert von der Hand wie auf Schusters Rappen, verleiht allerdings einiges mehr an Feuerkraft und Panzerung. Sogar die Bordgeschütze lassen sich fast nach belieben an- und abmontieren, vorausgesetzt, man findet herrenlose Kanonen in der Landschaft verstreut. Praktisch: Ist gerade kein VS in der Nähe, lassen sich diese Geschütze sogar per Hand bedienen. Dass Missionsdesign ist sehr abwechslungsreich geraten. So rennt Wayne zum Glück nicht nur durch die Schneewüste, sondern kämpft sich auch durch Tunnelsysteme der Akriden, Festungsanlagen der Schneepiraten oder verlassene Städte der einstigen Siedler. Die Gefechte machen dabei stets Laune: Einziges Manko ist, dass die Akriden meist einfach unvermittelt aus dem Boden hervorbrechen und so ein taktisches Spielen nahezu unmöglich machen. Frustmomente sind dennoch sehr selten, denn das Spiel wirkt nie wirklich unfair, auch wenn der Schwierigkeitsgrad definitiv nichts für blutige Anfänger ist. Trotz aller Jubel-Arien muss man fairerweise erwähnen, dass der Schwierigkeitsgrad meist durch die schiere Masse der Gegner geregelt wird: Die KI ist leider kein herausragendes Merkmal von Lost Planet. Die Gegner stürmen meist einfach nur auf sie ein und nehmen sie von allen Seiten unter Feuer, Deckung oder gar Einkreisen passieren höchstens zufällig. Hat man es sich einmal auf dem Eisplaneten gemütlich gemacht, sollte man sich auch unbedingt an den famosen Mehrspielermodus wagen. Mit bis zu 16 Spielern dürfen sie hier meist lagfrei in den üblichen Spielmodi blaue Bohnen austauschen. Dank Vital Suits und Thermalenergie sind die Gefechte jedoch deutlich spannender als bei so manch anderem Shooter.

Screenshot: Lost Planet: Extreme ConditionDie Xbox 360 entwickelt sich weiter: Immer noch sieht fast jedes neue Spiel einen Hauch besser aus als der Vorgänger. Auch Lost Planet macht hier keine Ausnahme und beeindruckt den Spieler mit einigen der schönsten Effekten, die man bislang auf der weißen Konsole bestaunen durfte: So schön ist jede Schneewehe und jeder Sturm animiert, dass man die klirrende Kälte praktisch fühlen kann. So bombastisch wirken die zahlreichen Explosionen, so realistisch die Rauchschwaden, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Besonders die Akriden sind so geschmeidig animiert, dass sie tatsächlich das Flair von Insekten versprühen, statt einem wie unbeholfene Polygongestelle entgegenzuhumpeln. Lost Planet ist ein wahres Action-Feuerwerk, das fantastisch aussieht, jede Surround-Anlage zum Beben bringt und Shooter-Fans für Wochen an den Bildschirm fesseln wird.

Fazit

Mit Lost Planet ist Capcom nach dem letzten, ebenfalls guten, indizierten Zombiespektakel wieder mal der große Wurf gelungen. Die Grafik hat noch größere Fortschritte gemacht, die Spielbarkeit ist hervorragend gelungen. Die einzigen Kritikpunkte sind die mäßige KI und der Capcom-übliche happige Schwierigkeitsgrad, der Einsteiger schnell abschrecken wird. Erfahrene Shooter-Fans freuen sich aber über ein bombastisches Gesamterlebnis, bei dem mal endlich wieder weder geschlichen noch geknobelt, sondern einfach nur drauflos gestürmt wird. Wer ohne Taktik und revolutionäre, innovative Ideen nicht leben kann, sollte hingegen lieber bei der Konkurrenz stöbern gehen. Simon Weiß

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