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24. 10. 2010

Testbericht: Medal of Honor

Es ist soweit. Das Warten hat ein Ende. Medal of Honor ist zurück. Nach Jahren der Abstinenz versuchen Publisher Electronic Arts und Entwickler Danger Close jetzt einen Neuanfang, nachdem die Serie mit dem letzten Ableger mehr oder weniger vor die Hunde ging. Die alten Kriege sind dabei Geschichte, der neue Ableger spielt in der Neuzeit. In Afghanistan.

Allein dieser Umstand sorgte schon im Vorfeld für viele Diskussionen. Darf ein Spiel in einem aktuellen Krieg spielen? Und überhaupt: Was fällt den Machern ein? Verteufelt wurde die Glorifizierung der USA. Verteufelt wurde die Fehldarstellung des Konflikts im Allgemeinen, obwohl die Entwickler immer wieder beteuerten, dass sämtliche Missionen an reale Einsätze angelehnt seien. Und das Wichtigste: Obwohl die Medien sich das Maul zerrissen, hatte noch kein Mensch den Solopart jemals zu Gesicht bekommen. Einen Teilerfolg konnten die Gegner allerdings feiern: Im Mehrspielermodus darf man nun nicht mehr die Taliban, sondern nur noch die „Oppossing Force“ spielen.

Doch was ist nun dran? Ist Medal of Honor wirklich des Teufels Ausgeburt? Nein. Das können wir nun ganz klar sagen. Und ist es wenigstens ein vernünftiges Spiel geworden? Das wollen wir im Folgenden klären. Die Geschichte dreht sich um einen Großoffensive in Afghanistan. Zwei Tage dauert die Operation im Spiel. Zwei Tage Krieg gegen die Taliban. Der Spieler lernt dabei die verschiedenen Truppen der US Army kennen. Er schlüpft in die Haut einer Spezialeinheit, welche hinter feindlichen Linien agiert und quasi tödliche Nadelstiche versetzt. Doch auch in die Haut der Ranger darf man schlüpfen, welche mit ihrem Truppenaufgebot und den schweren Waffen quasi das Brecheisen darstellen.

Das, was auffällt, das ist der Umstand, dass Medal of Honor zwar theoretisch in die gleiche Kerbe wie Modern Warfare schlägt, doch am Ende ein ganz anderes Spielerlebnis bietet. Wo die Konkurrenz mit Atombomben, Verrat, Lug und Trug sowie heroischem Heldentum und viel Übertreibung aufwartet, setzt der Titel aus dem Hause Electronic Arts nur auf das Eine: Auf einen nüchternen Krieg. Keine Bombastinszenierung. Keine Effekthascherei. Nur Krieg. Wer mehr auf die Bombastmomente eines Call of Duty steht, der dürfte in der Kampagne bitterlich enttäuscht werden. Die Entwickler sind ganz offenkundig das Risiko zu mehr Realitätsnähe eingegangen und waren sich vermutlich auch darüber im Klaren, dass dieser Umstand zunächst einige Käufer abschrecken könnte.

Mit dem leichten Anspruch auf Realismus geht auch ein anderer Umstand einher. Das Setting ist ausschließlich auf Afghanistan beschränkt. Weiße Häuser, Freiheitsstatuen, Dschungellandschaften oder andere Dinge gibt es nicht zu sehen. Hier zählen die Berge, die öden Landschaften und die heruntergekommenen Häusersiedlungen der Afghanen. Das gibt im Gesamtbild zwar nur wenig Abwechslung, fühlt sich aber am Ende irgendwie richtig an.

Wo die Kampagne einen interessanten Ansatz bietet, bringt sie leider auch viele Probleme mit sich. Da wäre zum Beispiel die unterirdische künstliche Intelligenz, welche manches Mal für Kopfschütteln sorgt. Dann wieder nimmt Medal of Honor den Spieler so sehr an die Hand, dass es wehtut. Nein, man darf tatsächlich nicht über einen Baumstamm springen, wenn nicht zuvor die Kameraden eben genau das auch getan haben. Erst wenn alle über den Baum sind, erst dann darf man selbst auch den Klettermax spielen. Das wirklich seltsamste ist aber die musikalische Untermalung. Die versprüht nämlich tatsächlich einen heroischen Klang, welcher so gar nicht zum Rest passen mag. Da waren die Entwickler so mutig von den Problemen des Krieges zu erzählen, ihn einem schlechten Licht darzustellen – und dann kommen sie dem Spieler mit einem heldenhaften Unterton. Ärgerlich. Das hätte nun wahrlich nicht sein müssen.

Der Mehrspielermodus schlägt in eine andere Kerbe als die Konkurrenz. Oder besser gesagt: Er versucht gleich in zwei Kerben zu schlagen. Insgesamt fühlen sich die Geplänkel im Internet wie eine bunte Mischung aus Call of Duty und Battlefield: Bad Company 2 an, wobei weder das Eine, noch das Andere völlig bis zum Schluss in seiner jeweiligen Klasse erreicht wird. Wobei Modern Warfare eher am Mehrspielershooter von DiCE angelehnt ist. Die Schlachten fühlen sich dabei aber längst nicht so dynamisch an. Das Kartendesign ist zwar meisterhaft, doch sind die Karten für 24 Spieler einfach viel zu klein ausgefallen. Daran ändert auch das Wegfallen der Fahrzeuge nichts. Und überhaupt: Wo doch im Mehrspielermodus die gleiche Engine zum Einsatz kommt, wie bei Bad Company 2, wieso darf man dann hier nichts zerstören?

Engine. Ein gutes Stichwort. Wie ist es denn um die Technik bestellt? Die ist, das muss man leider sagen, durchwachsen. Im Solopart kommt die Unreal Engine 3 zum Einsatz, während im Mehrspielermodus die Frostbite Engine gewählt wurde. Beide Engines wurden jedoch in keiner Weise völlig ausgereizt, Während die Animationen im Solopart wirklich gelungen sind und die meisten Abschnitte doch recht ansprechend daherkommen, sind gerade Explosionen ein echter Atmosphärekiller. Auch sonst ist starkes Flimmern im Bild sehr nervig und viele Texturen wirken matschig. Gleiches gilt für die Texturen im Mehrspielerpart, wobei hier die Explosionen etwas besser davonkommen. Insgesamt ist Medal of Honor aber eher gehobene Mittelklasse – wirklich berauschend ist es am Ende nicht. Der Sound ist jeweils gelungen, wobei der bereits angesprochene heroische Unterton doch ein wenig fragwürdig ist.

Fazit:
Es fällt schwer, Medal of Honor zu bewerten. Auf der einen Seite ist die Kampagne, welche mit ihrem etwas anderen Ansatz, mit ihrer schonungslosen Darstellung des Krieges uns persönlich besser gefallen hat als die Ansätze der Call of Duty Serie. Die auf der anderen Seite aber ein wenig Zusammenhang vermissen lässt, viel zu kurz ausgefallen ist und am Ende zu wenig Abwechslung bietet. Und dann hätten wir da noch den Mehrspielermodus, der weder Fleisch noch Fisch ist. Der für sich genommen wirklich recht spaßig ist und auch überzeugen kann, in Anbetracht der Konkurrenz aber völlig unnötig ist. Ja. Es fällt schwer. Man merkt, dass Electronic Arts die Reihe wieder zum Leben erwecken will. Man merkt, dass dieser erste Versuch durchaus ernst gemeint ist. Aber man merkt auch, dass es noch besser geht. Insofern freuen wir uns auf einen sicherlich kommenden Nachfolger, können hier aber noch keine glorreiche Note vergeben. Wie heißt es so schön? Aller Anfang ist schwer. Und jeder Neuanfang noch ungleich schwerer. - Michael Hoss

Wertung: 7 / 10


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