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30. 06. 2010

Testbericht: Metal Gear Solid - Peace Walker

Hideo Kojima ist zurück: Solid Snake schleicht ein weiteres Mal auf die PSP. Anstatt leichte, mobile Kost abzuliefern, schöpft der Stardesigner erneut aus dem Vollen und quetscht mit Metal Gear Solid: Peace Walker mehr Snake auf eine UMD, als es der geneigte PSP-Eigentümer erwartet hätte. Wir testen, ob die Ansprüche Kojimas nicht vielleicht an den Limitierungen der mobilen Konsole scheitern.



Metal Gear Solid: Peace WalkerDie Geschichte von Peace Walker ist irgendwo zwischen dem dritten und dem ersten Teil der Serie angesiedelt, also dem Playstation 2-Ableger Snake Eater und dem Urgestein der Serie für die erste Playstation, Metal Gear Solid (welches inhaltlich nach MGS 3 angesiedelt ist). Peace Walker spielt also 1974, zehn Jahre nach den Ereignissen aus Snake Eater, und Snake hat sich mit seinen „Söldnern ohne Grenzen“ nach Costa Rica zurückgezogen. Nachdem er in Snake Eater im Auftrag der CIA seinen Mentor The Boss töten musste, lässt er es in dem kleinen Südamerikanischen Staat ruhiger angehen. Eines Tages bekommt er jedoch Besuch von einem angeblichen Professor für Friedenskunde, der Snake um Hilfe bittet. Eine paramilitärische Organisation macht sich in Costa Rica breit, und Snake und seine „Söldner ohne Grenzen“ sollen die Störenfriede vertreiben. Schnell durchschaut Snake aber die wahren Motive des Professors: dieser hat Verbindungen zum KGB, und die „Störenfriede“ sind Truppen der USA, die den Machteinfluss der Amerikaner in Südamerika sichern sollen. Snake ist entsprechend skeptisch, den Auftrag anzunehmen - schließlich will er es sich nicht mit seinem Heimatland verscherzen und zwischen die Fronten des Kalten Krieges geraten. Bis er auf einem Tonband aus dem Camp der amerikanischen Eindringlinge eine vertraute Stimme hört…

Kojima zieht auch für Peace Walker wieder alle Register und serviert dem Metal Gear-Fan eine ausgereifte Geschichte in zahlreichen, ausgesprochen langen Cutscenes (die allesamt in einem ansehnlichen, animierten Comicstil gehalten sind), nimmt Bezug auf bisherige Teile der Serie, führt neue Charaktere ein und beschert Hardcore-Fans der Reihe einige Überraschungen in Bezug auf Figuren und Ereignisse früherer Spiele. Dennoch kann man diesmal auch als Laie der Hauptstory gut folgen, das normalerweise übliche, verwirrende Namensgewitter bleibt aus. Wer tiefer in das Universum einsteigen will hat dennoch die Möglichkeit, sich durch Stunden von Tonbandmaterial zu wühlen, um Peace Walker vollständig in das Metal Gear-Universum einordnen zu können, das im Laufe der Jahre immer komplexer und unzugänglicher wurde. So wird es endlich auch für Neueinsteiger interessant – besser hätten es die Entwickler kaum lösen können, ohne die Veteranen zu enttäuschen.

Metal Gear Solid: Peace WalkerWährend die Handlung also an Leichtigkeit gewinnt, bleibt das Gameplay ein schwerer Brocken - um die Steuerung komplett zu verinnerlichen, muss man schon einiges an Einarbeitungszeit investieren. Immer noch schleicht Snake durch die Level, um unbemerkt seine Missionsziele zu erreichen, das „Hero-Ranking“ belohnt euch sogar nach jeder Mission für vorsichtiges Vorgehen mit Items und anderen freischaltbaren Boni. Um Snake geschmeidig durch die Level zu navigieren, bieten die Entwickler drei Konfigurationen an, die aber allesamt einen Fakt nicht verschleiern können: Wie jedes Action-Spiel auf der PSP schreit auch Peace Walker nach einem zweiten Analogstick. Das Zielen auf Gegner oder die Kontrolle der Kamera sind eine echte Qual und sorgen dafür, dass manches Mal der Frust Überhand nimmt – zum Beispiel, wenn ihr aufgrund der hakeligen Steuerung mal wieder vom Gegner entdeckt werdet und euch das euer Hero-Ranking für die Mission verhagelt. Wie bereits im Handheld-Vorgänger Portable Ops haben sich die Entwickler aber auch in Peace Walker Mühe gegeben, das Beste aus den Steuerungsmöglichkeiten der PSP herauszuholen. Einige überarbeitete Features wie das eingängige Nahkampfsystem gehen sogar wirklich gut von der Hand - dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass das Spiel auf der Playstation 3 noch einen Tacken mehr Spaß machen würde.

Metal Gear Solid: Peace WalkerEbenfalls an Portable Ops erinnert neben der Steuerung auch das Zwangsrekrutieren gegnerischer Soldaten: habt ihr einen der Opponenten ausgeschaltet, dürft ihr ihn diesmal per Ballon vom Spielfeld in eure Zentrale befördern. Das sieht lustig aus, ist aber äußerst praktisch und erspart euch das manuelle Schleppen der bewusstlosen Körper zum nächsten Truck, wie es in Portable Ops noch lästige Pflicht war. Die auf diese Weise entführten Gegner könnt ihr dann zwischen den Missionen managen und auf Nebenmissionen schicken: dadurch erhaltet ihr vor allem Geld für zusätzliche Ausrüstung. Auf den Verlauf der Kampfhandlungen habt ihr keinen Einfluss, ihr müsst also mit den ausgewürfelten Ergebnissen dieser unsichtbaren Schlachten leben. Andere übernehmen in der Zentrale die Rolle eines Wissenschaftlers oder gar Kochs, was euch beispielsweise das Erforschen neuer Ausrüstung ermöglicht. Dadurch entfacht Peace Walker den Jäger- und Sammlertrieb, und das Mikromanagement und Klicken durch komplexe Menüs zwischen den eigentlichen Einsätzen wird schnell zu einem essentiellen Bestandteil des Spiels. Hardcore-Fans werden sich vielleicht über die neue, zusätzliche Spieltiefe freuen, wer aber eigentlich nur mit Snake durch die Missionen schleichen will, wird von dem ewig langen Geklicke durch Menüs bald genervt sein. Denn auch wenn vieles davon optional ist, so ganz ohne Mikromanagement lässt sich Peace Walker nicht absolvieren - vernachlässigt ihr das Planen und Forschen zu sehr, wird das ohnehin knackige Spiel im späteren Verlauf nur noch frustrierend schwer.

Metal Gear Solid: Peace WalkerDer Schwierigkeitsgrad ist generell etwas, was nicht so recht zu der ohnehin fummeligen Steuerung passen will: besonders die Bosskämpfe gegen riesige Maschinen so groß wie Häuserblocks sind schier Wahnsinn. Wenn man gegen nie enden wollende Gegnerwellen aus Fußsoldaten ankämpft, während man verzweifelt versucht, dem Dauerbeschuss eines Hind-Hubschraubers zu entgehen, fragt man sich unweigerlich, warum man sich das eigentlich antut. Zumal die Checkpoints für ein portables Spiel erstaunlich unfair gesetzt sind - die meiste Zeit seid ihr gezwungen, eine Mission am Stück durchzuspielen, wollt ihr sie nicht bei einem Abbruch komplett neu beginnen. Das passt vielleicht zu Kojimas Anspruch, einen legitimen fünften Teil der Serie zu erschaffen, so ganz ohne mobile Kompromisse - für ein Handheld-Spiel ist Peace Walker dann aber doch irgendwie zu viel. Warum der Titel so schwer ist, erschließt sich euch erst, wenn ihr das Spiel kooperativ zu zweit angeht: im lokalen Ad-Hoc-Netzwerk dürft ihr so zu zweit durch die Missionen schleichen, was nicht nur viel Spaß macht, sondern den anspruchsvollen Schwierigkeitsgrad auch erträglicher. Gegen Endgegner dürft ihr sogar zu viert antreten, wodurch Peace Walker das spaßige Jagdgefühl eines Monster Hunter oder Lost Planet 2 entwickelt. Warum das Spiel aber den Schwierigkeitsgrad in der Einzelspielerkampagne nicht skaliert, ist ein absolutes Rätsel.

Auf technischer Seite gibt es hingegen keine Beschwerden: Mit seiner besseren Playstation 2-Grafik ist Peace Walker zwar kein Augenschmaus, dennoch sind Leveldesign, Animationen und Effekte durchaus ansehnlich und den meisten anderen PSP-Spielen weit voraus. Besonders der Soundtrack mit der stimmungsvollen Musik, den bekannten Soundeffekten und vielen Stunden Sprachaufnahmen lässt zudem schnell vergessen, dass man hier eine Handheld-Produktion spielt. Wichtig zu wissen: Die gesprochenen Funksprüche während der Einsätze kommen euch nur zu Ohren, wenn ihr Teile des Spiels vorher auf dem Memory Stick installiert. Ihr habt die Wahl zwischen einer kleinen Installation mit 320 MB oder der Komplettinstallation von satten 880 MB, was sich dann aber auch positiv auf die Ladezeiten auswirkt.

Fazit:

Metal Gear Solid: Peace Walker ist genau das, was Fans der Serie erwarten durften: Ein komplexes Epos, das in Sachen Storytelling und Umfang durchaus mit den Teilen für die stationären Konsolen mithalten kann. Leider verschiebt sich der Fokus des Spiels etwas zu sehr in Richtung Mikromanagement und Koop-Gameplay, was Solisten und Fans der frühen Serien-Teile sauer aufstoßen dürfte. Außerdem würde Peace Walker besser funktionieren, wenn es für das Handheld designt worden wäre - so hat man immer das flaue Gefühl, Sony wollte mit diesem Exklusiv-Deal mit aller Gewalt die PSP pushen. Denn der Titel hätte durchaus das Zeug dazu gehabt, der nächste System Seller für die Playstation 3 zu werden. Auch wenn die Entwickler alles daran gesetzt haben, Peace Walker auch für Neueinsteiger interessant zu gestalten, bleibt das Spiel zudem ein Kuriosum für Hardcore-Fans der Spielereihe. Diese müssen das Spiel natürlich eh haben und werden nicht enttäuscht werden - alle anderen brauchen aber Nerven aus Stahl und den Willen, sich in das komplexe Gameplay einzuarbeiten. Definitiv nichts für die nächste Fahrt mit der U-Bahn. Simon Weiß

Wertung: 8/10

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