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17. 05. 2011

Testbericht: Portal 2

„Ich habe schon Flash-Spiele gespielt, die waren länger!“ - „Ich will mein Geld zurück!“ - Nur zwei der charmanten Kommentare bei Metacritic, Amazon und Co., kurz nachdem Portal 2 erschienen war. Zahlreiche Fans äußerten ihren Unmut über eine angeblich viel zu kurze Spielzeit und Abzocke mit DLC am ersten Tag. Aber hat der Titel das wirklich verdient? Wir haben uns ein weiteres Mal die Portal Gun geschnappt und den Kampf mit GlaDOS aufgenommen.

Screenshot: Portal 2Portal gehört eindeutig zur Kategorie „Überraschungserfolg“: Von einer einfachen Mod mauserte sich der kleine Rätseltitel schnell zur professionellen Produktion und lag dann unter anderem als kleine Dreingabe der Orange Box bei. Der kurze, aber intensive Rätselspaß fand schnell so viele Fans, dass Valve schon früh einen Nachfolger ankündigte. Dieser sollte natürlich viel größer, schöner und umfangreicher als der eher experimentelle erste Teil ausfallen. Das Problem: Die Fans erwarteten erneut ein fast geschenktes Spiel – dass Portal 2 ein Vollpreistitel werden sollte, passte vielen nicht in den Kram. Als Valve dann am Erscheinungstag auch noch optische Spielereien als kostenpflichtigen DLC anbot, war der Skandal perfekt. Einmal angestoßen, entwickelte sich der Sturm der Entrüstung – wie man es in Zeiten des Internets nicht mehr anders gewohnt ist - schnell zum Selbstläufer. Dabei blieb aber eine Frage die meiste Zeit auf der Strecke: Ist Portal 2 denn tatsächlich nur für die schnelle Mark zusammengezimmert worden? Oder ist der Titel nicht nur vermeintlich kurz, sondern vielleicht auch einfach gut geworden?

Zunächst einmal: So kurz ist die Kampagne tatsächlich nicht. Zumindest nicht kürzer als die anderer Vollpreistitel dieser Tage. Selbst geübte Spieler werden mindestens fünf bis sechs Stunden beschäftigt sein, wer sich bei dem ein oder anderen Rätsel etwas Bedenkzeit gönnt, kommt auch schnell auf acht Stunden Spielzeit. Ganz zu schweigen davon, dass Valve dem Titel auch gleich noch eine kooperative Kampagne spendiert hat, die eigene Rätsel für zwei Spieler und somit vier Portale bietet. Die Frage, warum es die kosmetischen Goodies des Day-One-DLCs nicht mit auf die Spieledisc geschafft haben, ist hingegen berechtigt: Wer auf die für den Spielverlauf völlig unnötigen Extras verzichten kann, verpasst aber absolut nichts – und bekommt auch so genug geboten.

Screenshot: Portal 2Denn eines wird einem nach dem Start des Spiels schnell bewusst: Diesmal ist der Rätselmarathon zu einem echten Spiel herangereift. Von Anfang an hat man das Gefühl, eine richtige Kampagne zu spielen, statt einer mehr oder weniger willkürlichen Aneinanderreihung von Testkammern. Vor allem die Stimmen eures Roboter-Begleiters Wheatley, der euch zu Beginn nicht von der Seite weicht, sowie die gewohnt kühle und zugleich humorvolle Art eurer KI-Gegenspielerin GlaDOS tragen zu einer gelungenen Atmosphäre bei – vor allem im englischen Original. Die Geschichte wartet mit einigen mehr oder weniger überraschenden Wendungen auf und kann euch mit spannenderen Sachen bei der Stange halten als mit dem Versprechen von Kuchen. Leider bleibt vor allem der Charakter der nach wie vor stummen Protagonistin Chell auch bei Portal 2 weiterhin im Dunkeln – mit Hintergründen zu dem Wie und Warum der Rätseltortur hält sich auch der zweite Teil vornehm zurück. Valve begründet die Verschwiegenheit mit einer besseren Identifizierbarkeit des Spielers mit der Hauptfigur der Story sowie mit mehr Redezeit für die anderen Figuren der Geschichte. Das ist wohl Geschmackssache, wir hätten uns eine Sprachausgabe für Chell und somit etwas mehr Charaktertiefe durchaus gewünscht. Dennoch erfährt man im Laufe der Kampagne einige interessante Dinge über die geschichtlichen Hintergründe von Aperture Science und auch GlaDOS und Wheatley.

Screenshot: Portal 2Nicht nur die Kampagne, auch das Gameplay fällt bei Portal 2 im Vergleich zum Vorgänger interessanter aus: Vor allem die Bauwerke der mysteriösen Firma Aperture Science strotzen diesmal vor Abwechslung. Dadurch, dass die Anlage im ersten Teil in großen Teilen zerstört wurde, liegen viele Bereiche im Freien, und die Flora hat allmählich begonnen, den Komplex zurückzuerobern. So seid ihr diesmal auch des öfteren außerhalb der Testkammern unterwegs und müsst euch mit Hilfe eurer Portale einen Weg zurück an die Oberfläche bahnen. Wie schon in Teil Eins könnt ihr mit eurer „Portal Gun“ je ein blaues und ein orangefarbenes Portal auf bestimmte Oberflächen schießen. Diese sind miteinander verbunden – was in das eine hineinfällt, kommt aus dem anderen hinaus. Diesen Umstand nutzt ihr nun für unzählige Rätsel, bei denen ihr euch oder hilfreiche Gegenstände durch die Portale befördert, um letztendlich zum Ausgang zu gelangen. Die Rätsel sind im Vergleich zum ersten Teil anspruchsvoller geworden: Dadurch, dass die Levelstruktur nicht mehr so klinisch akkurat ist, werden die Denkaufgaben spürbar abstrakter und fordern noch mehr eure Kreativität. Dazu tragen auch die neuen Elemente bei, die sich die Entwickler ausgedacht haben: Dazu gehören beispielsweise Katapulte, die euch im hohen Bogen durch die Luft befördern oder ein Traktorstrahl, der euch oder die berüchtigten Companion Cubes von einem Ort zum anderen transportiert. Eine große Rolle spielen auch die „Gele“: Besudelt ihr mit einer dieser bunten und zähen Flüssigkeiten den Boden, könnt ihr die entsprechende Fläche als Trampolin für große Sprünge nutzen, kurzzeitig sprinten oder auch Portale an vorher unerreichbare Stellen schießen.

Screenshot: Portal 2Valve nutzt die Verbesserungen der Source-Engine seit Teil Eins, um Portal 2 insgesamt etwas schicker zu gestalten. Vor allem die Lichteffekte bei einfallender Sonne sind nett anzuschauen – mehr aber auch nicht. Der Ton hingegen ist Weltklasse, speziell das ständige Geplapper von Wheatley und GlaDOS setzt die Messlatte für Sprachausgabe in Spielen mal wieder ein ganzes Stück höher.

Fazit:
Der Sturm der Entrüstung wirkt angesichts der spielerischen Perle, die Portal 2 zweifelsfrei ist, ungerecht: Ja, den kosmetische DLC am ersten Tag hätte sich Valve aus Image-Gründen besser sparen sollen. Aber nein, die Kampagne ist nicht kürzer als die anderer Vollpreistitel. Viel wichtiger noch: Während der gesamten Kampagne hat Portal 2 keine Durchhänger. Trotzdem hinterlässt es einen faden Beigeschmack. Denn so aufregend die Achterbahnfahrt auch ist, so richtig glücklich ist man nach dem Durchspielen von Portal 2 nicht. Das liegt an der unterm Strich zu dünnen Story, und vor allem an der gesichtslosen Protagonistin. Macht Spaß, ja, aber einen bleibenden Eindruck hinterlässt der Titel nicht. Aufgrund des genialen Leveldesigns, dass sein hohen Niveau sogar über die gesamte Koop-Kampagne halten kann, hat sich Portal 2 seine Wertung aber dennoch redlich verdient. - Simon Weiß

Wertung: 9 / 10


 

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