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09. 12. 2010

Testbericht: Nail'd

Schnellster Off-Road-Racer der Welt, total durchgeknallt, keine Rundkurse, weiße Fingerknöchel – Deep Silvers Funracer Nail’d wurde zwar nicht außergewöhnlich viel beworben, doch waren die präsentierten PR-Häppchen nicht eben von Bescheidenheit gezeichnet. Passend zu diesem Manöver engagierte man für die musikalische Gestaltung mal eben einige Größen international erfolgreicher Metal-Bands. Lohnt sich ein kräftiger Tritt aufs Gaspedal oder bleibt der Spaß auf der Strecke?

Wir lösen auf. Schnellster Off-Road-Racer? Ich behaupte: ja. Durchgeknallt? Da geht noch einiges. Keine Rundkurse? Oh doch, und davon einige! „White Knuckles“? Und ob, das manuelle Gasgeben hätte man sich getrost sparen können – nur aufgeweckte Bleifüße sind hier willkommen.

Die polnischen Entwickler von Techland sind ja eher für ihren recht aktuellen Call of Juarez Zweiteiler, denn für ihre Ausflüge ins Rennsport-Genre mit GTI Racing und Xpand Rally bekannt. Auch das kommende Dead Island sieht mehr nach Shooter aus, als nach einem Sport- oder Arcadespiel. Warum dann ein Rennspiel herausbringen, das sich so offensichtlich an bereits veröffentlichten Racern wie Pure, Motorstorm oder MX vs ATV bedient? Keine Ahnung.

Wirklich neu und frisch ist Nail’d nämlich wirklich nicht. Wahlweise werden Crossbike (MTX) oder Quad (ATV) über Off-Road-Pisten gejagt, bis zu 11 Kontrahenten sind einem dabei stets auf den Versen. Über alles was als Schanze missbraucht werden kann erreicht man gigantisch hohe Sprünge und Stürze, die schon mal 10 Sekunden dauern können – spätestens wenn das Vehikel gänzlich unbeschadet den Boden der Tatsachen erreicht, heißt es: Realismus ade. In der Luft kann des Weiteren Einfluss auf die Flugbahn genommen werden; ein My weiter hoch oder runter entscheidet dabei meist nicht nur über die erfolgreiche Landung, sondern auch darüber, ob ein bestimmter Stunt-Bonus gewährt wird. Stunts sind nämlich ein weiterer wichtiger Bestandteil von Nail’d, auch wenn man hier das Wort „Stunt“ nicht allzu wörtlich nehmen sollte. Statt in der Luft riskante Choreographien auf dem Gefährt abzuhalten, sind hiermit nämlich eher das reibungslose Auftreffen, Gegnereliminierungen, das Erreichen von bestimmten Geschwindigkeiten oder das Durchfahren eines der zahlreich vorhandenen brennenden Tore gemeint. Wird ein Stunt ausgeführt, erhält der Boost-Tank neuen Brennstoff, der wiederum essentiell für den über Sieg oder Niederlage entscheidenden Afterburner ist. Besonders wichtig ist es daher, die nicht gerade simplen Strecken so perfekt wie nur irgend möglich zu beherrschen, um die richtigen Positionen für die Stunts zu finden.

Tatsächlich ist das Streckendesign die wahre Stärke des Spiels; sei es das wüstige Arizona, Griechenland, der Yosemite Nationalpark oder die schneebedeckten Anden – die 14 gebotenen Strecken in diesen Breiten unterscheiden sich spürbar voneinander. Besonders aufregend an ihnen ist jedoch der Umstand, dass sie sich nicht nur statisch und langweilig vor sich hin strecken, sondern einiges an Geschehnissen bieten können. Herumfliegende Zeppeline oder Hubschrauber, abstürzende Flugzeuge, Wildwechsel, Steinschlag, entgegenkommende Züge oder Trucks – irgendetwas ist immer in Bewegung. Getreu dem Motto „Viele Wege führen nach Rom“, hat auch jede Nail’d Strecke etliche Abzweigungen, von denen sich meist nur eine als ultimativ kürzester Weg herausstellt.

Und sonst? Verweis auf die Konkurrenz. Im Wettkampf-Modus findet wie gewöhnlich eine Kampagne statt, welche in mehrere Ligen unterteilt ist – ist eine Liga abgeschlossen, wird die nächste verfügbar. Der Offroad-Modus ist für die freie Fahrt bestimmt; hier können Strecken selbst ausgesucht, Modifikationen wie ein endlos gefüllter Boost-Tank oder der Stunt-Mutator gewählt, und die Anzahl der Kontrahenten festgelegt werden. Auch Zeitrennen gegen einen „Entwickler-Geist“ sind mit im Programm. Zu guter Letzt bleibt noch der Mehrspielermodus, der online oder per Netzwerk, nicht aber an einer einzelnen Konsole stattfinden kann. Somit folgt Nail’d leider dem unnachvollziehbaren Trend, den früher obligatorisch vorhandenen Zwei-Spieler-Modus aus einem Rennspiel zu verbannen – unverzeihlich!

In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Kampagne über stolze 10-15 Stunden nicht großartig bemüht, den Spieler durch Abwechslung zu motivieren, bleibt also nur die Flucht ins Internet. Hangelt man sich erst einmal durch die äußerst verworrene Menüstruktur auf einen der aktuell noch spärlich vorhandenen Server oder bietet selbst einen an, macht ein Kopf-an-Kopf-Rennen wahrlich Laune – zumindest so lange, bis ein eingestellter Rundenzirkel beendet wird. Denn während eines Spiels ist es weder möglich, neue Strecken hinzuzufügen, noch eine Einstellung oder die Modifikationen zu ändern. Ein Server muss so immer wieder neu gestartet werden.

Trotzdem sind menschliche Spieler den künstlichen klar vorzuziehen, mit rechten Dingen gehen die NPCs nämlich nicht zur Sache. Wie am Gummiband hängen sie am Spieler, ein vorgegebener Vorsprung kann so nie überboten werden. Natürlich wird das Gummiband im Laufe der Kampagne immer kürzer, sodass ein kleiner Fehler ziemlich unschön mit einem hinteren Platz bestraft werden kann. Mit Können scheint das dann nichts mehr zu tun haben, die programmierte Willkür fordert viel eigenes Glück, auch in anderen Belangen. Sucht man beispielsweise nach einer allgemeingültigen Regelung für die diversen Boost-Boni, so fallen doch einige auf, die nur an gewissen Stellen gestattet werden (Tempo-Meister) oder  tatsächlich nur auf einer Strecke erreicht werden können (Jumper). Freischaltbare Teile und Kostüme der nicht weiter charakterisierten Fahrer dienen lediglich der Optik – das „Tuning“ macht die Cross-Vehikel nicht schneller oder spürbar besser.

Grafisch geht Nail’d absolut in Ordnung – einige Texturen sind etwas verwaschener als andere und die Kollisionsabfrage führt in einigen Fällen zweifelsohne zu fragenden Blicken, doch der Gesamteindruck ist gut. Der Sound hat leider seine Schwächen, die Motorengeräusche der Fahrzeuge sind auf Dauer arg monoton und der Boost pfeift im Ohr wie ein Düsentriebwerk. Auf die Länge einer oder mehrerer Strecken kann das schon leicht nerven. Das gilt leider auch für den Soundtrack, der eben nicht nur aus eigenen Tracks besteht, sondern auch Uralt-Kamellen wie Slipknots Duality oder den Queens of the Stone Age Titel 3‘s & 7’s bietet – nostalgisch zu Beginn, in der Schleife und mit Rücksicht auf persönliche Playlist-Hochzeiten Anno-Dazumal dann doch schnell überhört. Die von Mitgliedern der Deftones, Hatebreed, Static-X oder Devildriver komponierten Tracks sind durchaus hörenswert und geben instrumental, aber auch gesangsbegleitet ordentlich auf die Nuss.

Fazit:
3-2-1-Go! Gaspedal durchtreten, per Boost ungeahnte Geschwindigkeiten erreichen, den Abhang steil hinabstürzen. Gewisse Parallelen zur Motivationskurve von Nail’d sind nicht zu verkennen: Anfangs noch durchweg unterhaltsam, fällt nach kurzer Zeit – vor allem während der Kampagne – auf, dass Langzeitmotivation nicht die größte Stärke des Spiels ist. Geht man von einer Gesamtspielzeit von 14 Stunden aus, wäre das eine geschlagene Stunde, die man sich mit einer einzigen Strecke während des Wettkampfs auseinandersetzen muss – bei Bestzeiten zwischen 2 und 6 Minuten pro Etappe. Kein guter Durchschnitt. Auch der Mehrspielermodus kann dem nur bedingt entgegensteuern, da weder zu zweit auf einer Konsole gespielt werden kann, noch ausreichend Online-Server zur Verfügung stehen; die Netzwerkfunktion für PlayStation 3 und Xbox 360 sei an dieser Stelle einmal absichtlich ignoriert. Das Streckendesign und die Geschwindigkeit runden Techlands Funracer zwar ab, lassen ihn aber eben nur neben dem Siegertreppchen der Konkurrenz stehen. Tobias Czullay

Wertung: 5/10

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