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30. 09. 2010

1378 Kilometer trennen Deutschland

Ballerspiel! Killerspiel! Geschmacklos! Dumm! Alles Worte, welche wieder einmal vermuten lassen, dass Menschen ein Urteil über ein Spiel fällen, welches sie noch gar nicht gespielt haben. Doch dieses Mal ist der Aufreger kein Spiel, welches mit vielen Millionen Euronen produziert wurde, sondern ein studentisches LehrbeiSpiel.

Der Tag der deutschen Einheit rückt näher. Am Sonntag, dem 3. Oktober, wird das vereinte Deutschland 20 Jahre alt. Genau an diesem Tag regen sich wieder viele Menschen über den Solidaritätsbeitrag auf. Aber es freuen sich auch wieder viele Menschen über die Einheit des deutschen Landes. Doch am Sonntag soll auch noch ein Spiel veröffentlicht werden. Ein Spiel, was bisher noch niemand gesehen hat - welches aber schon jetzt in allen Medien vertreten ist.

Es handelt sich noch nicht einmal um ein richtiges Spiel in diesem Sinne. 1378(km) wird nämlich eine Modifikation für Half-Life 2 werden. Entwickelt wurde diese Modifikation von Jens Stober, einem 23 jährigen Studenten der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Als Abschlussarbeit. Und er hat schon jetzt seine 1 sicher.

Die Modifikation versetzt die Spieler zurück in das Jahr 1976, das Jahr mit den meisten Mauertoten. 1378 Kilometer war der Grenzwall lang. Daher der Name. Bis zu 16 Spieler dürfen entweder in die Haut von Flüchtlingen oder aber von Grenzposten schlüpfen. Die Aufgaben sind klar verteilt: Als Flüchtling gilt es, Westdeutschland zu erreichen. Als Grenzer gilt es das - wenn nötig mit allen Mitteln - zu verhindern. Auch die Exekution der Flüchtigen ist möglich. Und genau das ist es, was zur Zeit die Medien kontrolliert. Markus Meckel von der SPD (Ehemals ein Mitglied der DDR-Opposition) bezeichnet 1378(km) als "makaber und skandalös", die Vorsitzende der Partei Die Linke Gesine Lötzsch nennt es "Geschmacklos und dumm". Hubertus Knabe, Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, hat sogar schon Anzeige erstattet. Es gibt auch andere Stimmen, wie die von Jimmy Schulz von der FDP. Er findet es mutig und interessant. Doch der Chor ist nahezu einstimmig: Killerspiel ruft es von den Dächern. Immerhin: Die Hochschule steht zu ihrem Studenten, der so unfreiwillig berühmt wurde.

Dabei hat nach wie vor noch kein Mensch das Spiel gesehen. Nur einen kurzen Trailer gibt es, welcher unterhalb dieser Meldung zu finden ist. Und viele Kritiker kennen die Fakten noch gar nicht: Es wird in der Tat möglich sein, die Flüchtlinge zu erschießen. Doch zu viele Todesopfer wirken sich negativ auf den Punktestand der Grenzer aus, da der politische Druck gegen die DDR dann steigt. Zudem steht es den Grenzern frei, zu schießen. Sie können die Menschen auch verhaften - oder sogar selbst die Flucht ergreifen.

Das große Aber gibt es natürlich auch: Wer einen Todesschuss setzt, der wird mit einem Orden ausgezeichnet. Vielleicht ist dieser Umstand der Auslöser für all die Hetze. Doch auch hier gilt: Einmal mehr sind nicht alle Fakten bekannt. Es soll nämlich so sein, dass beim dritten Todesschuss der Grenzer aus dem Spiel ausscheidet, in das Jahr 2000 versetzt wird, wo er im Schnellverfahren Zeuge eines Mauerschützenprozesses wird. Hier soll dann auch über das Schicksal der gefallenen Menschen informiert werden.

Natürlich: Den Grenzern war es damals nicht bekannt, dass sie womöglich eines Tages vor Gericht landen könnten. Von daher ist diese Art des Einwirkens vielleicht nicht optimal, doch zeigt es, dass 1378(km) unter gar keinen Umständen ein Ballerspiel, ein Killerspiel sein möchte. Theoretisch müsste auch ein Gerichtsverfahren eingebaut werden, für jene, die den Schuss verweigern. Aber hielt gilt, dass es sich lediglich um das Werk eines einzelnen Studenten handelt - und dafür ist allein schon die Idee ein kleines Glanzstück.

Ist es nicht wesentlich schlimmer, wenn sich die junge Menschen gar nicht mehr mit der Geschichte auseinandersetzen? Womöglich ist dieser Weg, den Jens Stober hier aufzeigt, genau der richtige Weg. Unterhaltung mit der Grausamkeit der Geschichte zu verbinden. Die Technik mag dabei noch so rudimentär sein, das Spiel am Ende noch so schlecht. Eines, das hat der Student schon jetzt geschafft: Sein Werk ist in allen Medien, seine berufliche Zukunft dürfte damit gesichert sein. Egal ob im Internet, im Fernsehen oder im Zeitungsregal: 1378(km) ist in aller Munde. Und das zu Recht: Vielleicht ist es am Ende schlecht, doch es ist ein interessanter Ansatz und es zeigt, das Spiele durchaus Erwachsen geworden sind. Nur das verstehen viele Menschen nicht, da sie die Fakten einmal mehr so drehen, wie es dem Wahlkampf oder der eigenen Organisation gerade dienlich ist.

Update: Die Hochschule hat die Präsentation des Projektes nun vorerst verschoben, will aber daran festhalten. Die Verschiebung geschah lediglich, damit die Opfer der Mauer sich nicht durch eine mögliche Veröffentlichung am Tag der Einheit verhöhnt fühlen.

http://www.youtube.com/watch?v=I5vghf6pJw0

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